Das Chiriguanogemeinwesen — das ursprüngliche Chanégemeinwesen kennen wir nicht — hat eine viel festere Organisation gehabt als das Gemeinwesen bei den Chorotis und Ashluslays. Die Chiriguanos waren ein Eroberungsvolk, das wahrscheinlich die Chanés unterjocht und mutig und erfolgreich gegen die Inkas gekämpft sowie lange der Invasion der Weißen Widerstand geleistet hat. Hätte es statt der vielen Häuptlinge nur einen einzigen gegeben, so hätte die Eroberung des Chiriguanolandes ganz sicher das Leben doppelt so vieler Weißen gekostet, als jetzt. Leider haben in den Kämpfen der Weißen gegen die Indianer beinahe stets einige Häuptlinge auf der Seite der Feinde gegen ihren eigenen Stamm gekämpft. Bei dem letzten, durch den Kampf bei Curuyuqui entschiedenen Aufruhr hatten die Weißen eine Hilfstruppe von ein paar tausend Indianern, mit denen sie zusammen deren Stammfreunde bekämpften.
Wie sich alles im Leben der Indianer verändert, wenn die Weißen ihr Land erobert haben, so verwandeln sich auch die sozialen Verhältnisse. Wenn Vocapoy, Maringay, Mandepora und einige andere in den Tongefäßen unter den Hütten liegen, dann ist das Ende herbeigekommen, dann haben die Indianer keine anderen Gesetze als die der Weißen, keine anderen Behörden, als deren Vögte. Die Chanés am Rio Parapiti haben, wie erwähnt, keinen Oberhäuptling mehr. Batirayu ist diese Würde angeboten worden, er will aber nicht der Knecht der Weißen sein, dazu ist er zu stolz. „Es ist nicht wie in alten Zeiten“, sagte Batirayu zu dem wunderlichen Weißen, der das Vertrauen und das Verständnis der Indianer suchte.
Fünfzehntes Kapitel.
Trinkgelage bei den Chanés und Chiriguanos.
Erzählt ein Chané oder Chiriguano eine Sage, so beginnt er sie oft so: „Vor langer Zeit war einmal ein großes Trinkgelage.“ Berichtet er von etwas, was passiert ist, von der Krankheit eines Verwandten oder dergleichen, so sagt er: „Es war vor oder nach dem Fest.“ Bei diesen Festen hört und sieht man auch das meiste, was von der alten Kultur dieser Indianer übriggeblieben ist. Da kommen die schönsten Tongefäße zum Vorschein, da sieht man Trachten aus früheren Zeiten, da werden die Steinschmucksachen aus den Schatztöpfen hervorgeholt.
Eine Hausmutter bei uns ist stolz, wenn sie ihren Gästen schöne Tischtücher und schönes Porzellan zeigen kann. So denken auch die Chané- und Chiriguanofrauen. Beim Feste will jede Frau, daß das Maisbier in ihrem Hause in schöneren Tongefäßen als denen der Nachbarinnen aufgetragen und in Kalebassen serviert wird, die eleganter geschmückt sind, als bei einem anderen.
Abb. 116. Chanémädchen stoßen Mais in einem Mörser. Rio Parapiti.
Deshalb beschäftigen die Frauen sich vor jedem Feste mit der Herstellung von Tongefäßen und die Männer mit der Verzierung der Kalebassen. In den Chané- und Chiriguanodörfern sieht man auch prächtige Sammlungen von Tongefäßen. Besonders einige Frauen verstehen es, diese mit ausgezeichneter Geschicklichkeit und Eleganz zu malen. Man sieht beinahe niemals drei Krüge, die sich vollständig gleichen. Jede sucht bei dem Feste mit etwas Originellem aufzutreten, etwas Neues und Hübsches zu malen. Was die lineare Ornamentik betrifft, so versteht man es, die alten Ornamente zu variieren, man versteht es aber nicht, oder will sich nicht von ihnen frei machen und neue Bahnen brechen. Die Indianerin ist in ihrer Kunst konservativ und vermag sich nur, wenn sie ihre Motive direkt aus der Natur nimmt und Tiere malt, von den Vorbildern aus der Zeit der Mutter oder Großmutter freizumachen. Keineswegs alle Frauen in den Dörfern sind Künstlerinnen. Es gibt solche, denen die Natur die Gabe der Kunst verliehen hat, und richtige Pfuscher. Wer kann Tongefäße so malen, wie die eine Frau des Chiriguanohäuptlings Maringay? Sie sind weitberühmt in den Tälern, und jeder versucht, ihre Werke durch Tausch zu erwerben. Nicht zum wenigsten ich habe ihre sichere und geschmackvolle Kunst bewundert. Die Frau des Chanéhäuptlings Vocapoy ([Taf. 19]) ist auch kein Stümper.
Wo die Indianer reich sind, d. h. große Maisernten haben, da ist die Keramik schön. Wo man arm und der Kampf ums Dasein hart ist, da hat man nicht viel Zeit zu künstlerischer Arbeit. Wenn die Kunst im Indianerheim gedeihen soll, muß Freude und Munterkeit herrschen.
Die jüngere Generation wird, fürchte ich, deutsches Porzellan und Emailgefäße vorziehen, und damit wird auch die Chiriguano- und Chanékunst zu dem vielen Schönen und Feinen gehören, das vor der brutalen Zivilisation des weißen Mannes verschwindet. In vielen Dörfern muß man schon in den Winkeln der Hütten herumkramen, wenn man mit sicherer Hand und natürlichem Geschmack gemalte Gefäße finden will. Das Schlimmste ist jedoch, daß die Weißen Gefallen an den Tongefäßen der Indianer zu finden beginnen. Dadurch entsteht Massenherstellung. Für die Weißen ist alles gut genug, da braucht es weder schön noch gut gearbeitet zu sein. Sie wünschen nicht das Geschmackvolle und Einfache, sondern das Grelle und Merkwürdige, „curiosidades“, wie der Kreole sagt. Vor diesem Merkwürdigen müssen sich unsere Museen hüten, denn das gibt eine unrichtige Vorstellung von dem rein Indianischen.