Die Frauen brauen das Bier zum Feste. Dieses soll aus Mais (am liebsten gelbem oder weißem) sein, und nur die armen Chanés am Rio Parapiti müssen sich oft mit Bier aus süßen Kartoffeln begnügen. Ist Algarrobo vorhanden, so wird auch aus dieser Frucht Bier gebraut. „Es ist gut und berauscht so schön“, sagen die Indianer.
Ist die Maisernte reich, so herrscht Freude in den Dörfern, dann ist Speise und Trank in jeder Hütte. Mißrät die Maisernte, dann ist keine Freude, die Magen sind leer und auf dem Festplatz ist es still. Sind die Scheunen voll Mais, dann ist der Indianer stolz und kümmert sich nicht um Weiße, Unterdrückung und Sorgen. Ist die Scheune leer, dann ist er untergeben und düster.
Abb. 117. Kochen des Maisbieres. Chané. Rio Itiyuro.
Nachdem die Frauen den Mais aus den Scheunen geholt und die Männer Holz und die Frauen Wasser herbeigeschleppt haben, beginnt das Brauen. Erst wird der Mais in großen Mörsern gestoßen. Nacht und Tag hört man, wie die fleißigen Frauen stoßen. Der gestoßene Mais wird gesiebt und dann in gewaltigen Tongefäßen mit Wasser gemischt und gekocht. Hierauf wird ein Teil herausgenommen, gekaut und ordentlich mit Speichel vermengt. Dies wird dann zu dem übrigen geschüttet und muß, nachdem es geseiht ist, in großen offenen Gefäßen bei schwacher Wärme gären. Mit großen Holzspaten ([Abb. 118 a]) oder mit geschafteten Schulterblättern ([Abb. 118 b]) rührt man in den Töpfen um. Es ist der Stolz jeder Frau, gutes Bier, „cangui“, und viel Bier zu brauen. Sie sind auch rastlos fleißig. Den ganzen Tag sieht man sie arbeiten, und auch des Nachts beschäftigen sie sich mit Kochen und Mahlen. Keine Familie darf sich der Zubereitung von Cangui entziehen.
Daß Speichel angewendet wird, erscheint vielleicht unsauber. Anfangs dachte ich dies auch, bald war ich aber so verhärtet, daß mir auf Indianerweise mit Speichelhefe zubereitetes Cangui besser schmeckte, als das von den Weißen auf zivilisiertere Weise gebraute.
Kenner, nicht allein Indianer, sollen derselben Ansicht sein wie ich. Wichtig ist jedoch, daß das Cangui kalt getrunken wird, lauwarm ist es ekelhaft. Wenn es lange gestanden hat, ist es etwas berauschend, jedoch nicht so stark wie das Algarrobobier.
Beim Canguitrinken geht es sehr zeremoniell zu. Vorn sitzen auf Bänken und Schemeln ([Abb. 85]) die Männer, und hinter ihnen, auf dem Boden, die Frauen. Die älteren Damen bekommen die besten Plätze. Die Wirtin bringt das Cangui in ihren feinsten Tongefäßen, „yambuy“, herein und stellt diese vor ihre Gäste ([Abb. 77] u. [78]). Wem ein Gefäß mit Cangui hingestellt wird, der muß servieren. Das gilt auch für die Häuptlinge. Sogar ich habe auf Indianergesellschaften serviert. Es ist nichts Ungewöhnliches, daß die Männer die Frauen bedienen und umgekehrt. Man füllt das Cangui in verzierte Kalebassen, die man der Reihe nach umherreicht. Jeder muß austrinken. Wer sich weigert, ist unhöflich und ungebildet. Sich selbst einzuschenken, ist nicht passend. Will man gegen den Servierenden höflich sein, so trinkt man erst seine Schale aus, füllt sie dann selbst und bietet sie jenem an. Trinkt man alles, wozu man eingeladen wird, dann ist man der Freund der Indianer. Weigert man sich, dann fassen die Indianer Mißtrauen zu einem. Ein alter Chané sagte auch einmal zu mir: „Du bist ein netter Christ, schon am Morgen trinkst du Maisbier mit uns.“ Wenn Moberg mit Beute beladen von der Jagd heimkehrte, drängten sich die jungen und hübschen Frauen um den glücklichen Jäger und bewillkommneten ihn mit einer Kalebasse Maisbier. Was waren die Mühseligkeiten der Jagd gegen die des Trinkens, denn die Frau, deren Schale er unberührt ließ, vergaß niemals den Schimpf. Wenn man Feinde hat, kann das Canguitrinken gefährlich sein, denn wer weiß, ob nicht jemand etwas von den eigenen Exkrementen oder Haaren in das Bier gelegt hat, so daß man verhext wird und stirbt. Dergleichen geschieht in diesen Dörfern.
Bei den Festen kommen oft Züge von Indianerhumor zum Vorschein. Ein Scherz ist z. B. zu tun, als ob man Cangui in einer umgestülpten Kalebasse herumreicht, ein anderer, einen zu bitten, auf einem unförmlichen Rohr Flöte zu blasen.