Abb. 119. Tanzmaske. Chiriguano. Yacuiba. ⅙.
Sechzehntes Kapitel.
Aus dem Leben der Chané- und Chiriguanoindianer (Forts.).
Kunst und Industrie.
Die Chiriguanos und Chanés sind Stämme, deren Kunstindustrie sehr hoch steht. Besucht man eine der Hütten der weißen Ansiedler in diesen Gegenden, so wird man nicht viele Erzeugnisse einheimischer Industrie, nicht viel von eigener Kultur sehen. Ich weiß rein gar nichts, was diese Menschen können, was mit der Keramik und Webetechnik der Indianer konkurrieren kann. Sicher ist, je mehr die Indianer „zivilisiert“ werden, um so weniger leisten sie kunstindustriell. Von den Weißen lernen sie nicht viel mehr, als Branntwein bereiten und trinken. Die indianische Kunstindustrie verschwindet hier allmählich, je mehr die Indianer mit den Weißen in Berührung kommen, sie wird aber nicht umgebildet. Sie verbleibt zum großen Teil rein indianisch bis zu ihrem schließlichen Untergang. Eine Industrie ist indessen jetzt in den Händen der Weißen, und zwar die Metallindustrie. Die silbernen Schmucksachen, welche z. B. die Chiriguanos und Chanés anwenden, werden von den Schmieden in den Dörfern der Gebirgsgegenden gearbeitet. Die halbweiße oder quichuaindianische Bevölkerung, die wir in den Gebirgen westlich vom Lande der Chiriguano- und Chanéindianer antreffen, ist recht kunstfertig. Besonders die Webetechnik steht dort hoch. Vom Westen haben die Chiriguanos und Chanés sicher viel gelernt.
Tafel 19. Die Frau des Chanéhäuptlings Vocapoy malt ein Tongefäß. Rio Itiyuro.
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GRÖSSERES BILD
So finden wir die für die Chiriguanos charakteristische Serérepfeife ([Abb. 120]) in Sammlungen von der Küste Perus[88]; die Nadel zur Befestigung der Frauenkleider ([Abb. 130]) ist in ihrer Form typisch peruanisch, ebenso der silberne Haarauszieher, von dem ich indessen kein Exemplar habe. Die Festtracht des Mannes ([Abb. 81]) scheint mir ebenfalls peruanischen Schnitt zu haben. Möglicherweise hat sich jedoch der Einfluß von Peru unter den Chiriguanos erst nach der Eroberung der Hochebene durch die Spanier geltend gemacht.
Boman[89] hat nachgewiesen, daß die Chiriguanos, oder richtiger der Gúaranistamm, zu welchem diese Indianer gehören, sich früher viel weiter südwärts ausgedehnt haben als jetzt. Er hat dort die für sie so eigentümlichen Graburnen angetroffen.
Die materielle Kultur der Chanéindianer unterscheidet sich nicht sehr von der Kultur der Chiriguanos im allgemeinen. Die Chanés, die mehr abgesondert am Rio Parapiti wohnen, haben dagegen eine vollkommen selbständige Keramik, die wir bei den Chiriguanos nicht wiederfinden. Vergleichen wir im übrigen die Industrieerzeugnisse der Chanés und der Chiriguanos, so finden wir keine größeren Unterschiede, als wir sie in den verschiedenen Chiriguanodörfern auch finden.