Zwischen den Dörfern führen eine Masse Wege, die sich in der Nähe des Dorfes netzförmig auflösen. Aus diesem Grunde ist es oft schwer, den Pfaden der Indianer zu folgen.
Weder die Chorotis noch die Ashluslays haben einen für den ganzen Stamm gemeinsamen Häuptling. Die meisten Dörfer haben ihre Häuptlinge, aber diese sind unabhängig voneinander. Bei den Ashluslays habe ich Häuptlinge gesehen, die über mehrere Dörfer herrschen. Die Häuptlinge haben je nach ihren persönlichen Eigenschaften Einfluß. Sie sowie ihre Frauen arbeiten genau ebenso wie die anderen Indianer. Sie haben keine Diener; solche sind bei diesen Indianern unbekannt. Der Häuptling hat keinen Ehrenplatz bei den Trinkgelagen, seine Hütte nimmt keinen besonders auserwählten Platz im Dorfe ein.
Er ist ein Familienvater, den man respektiert, der aber nicht regiert.
Im Krieg nimmt er vielleicht eine leitende Stellung ein, die anderen gehorchen ihm aber nur soweit, wie es ihnen paßt. Kommt ein weißer Mann nach einem Indianerdorf, so wird er von dem Häuptling empfangen, und die Sitte erfordert es, daß er ein Geschenk erhält. Dies scheint mir indessen eine spätere Erfindung der Weißen selbst zu sein. Der Weiße hat zur Unterhandlung im Dorfe eine bestimmte Person nötig gehabt und hat sich darum der Häuptlingsinstitution bedient und sie weiter entwickelt.
Die Häuptlingswürde scheint in der Regel vom Vater auf den Sohn zu gehen. Ist der Sohn beim Tode seines Vaters minderjährig, d. h. nach indianischen Begriffen kein älterer, verheirateter Mann, wird sie interimistisch von einem älteren Verwandten ausgeübt. Sehr oft, besonders nach Kriegen, wo die Männer ihre Tüchtigkeit zeigen können, entstehen neue Häuptlinge.
Unter den Ashluslayhäuptlingen, die ich kennen gelernt habe, sind bemerkenswert Toné, Mayentén, Mocpuké, Aslú, Mentisa und Chilán; unter den Chorotis Attamo aus einer Ashluslayfamilie, Kara-Kara, Éstehua und Tula. Die meisten von ihnen waren Greise, die offenbar in der Hauptsache über Kinder, Enkel, Geschwister und deren Kinder regierten.
Eine große Macht im Dorfe besitzt, wo ein solcher vorhanden ist, der Dolmetscher. Er spricht Spanisch und unterhandelt mit den Weißen. Bei den Chorotis befanden sich mehrere Spanisch sprechende Individuen, bei den Ashluslays keiner.
Einen bedeutenden Einfluß hat auch der Medizinmann. Man bietet ihm viel Essen an, behandelt ihn somit gut. Niemals habe ich gehört, daß ein Medizinmann gleichzeitig Häuptling war.
In den Choroti- und Ashluslaydörfern herrscht kein Klassenunterschied, noch gibt es Reiche oder Arme. Ist der Magen voll, so ist man reich, ist der Magen leer, so ist man arm. Wir sind alle Brüder, dies ist der Grundgedanke im Gesellschaftsbau dieser Menschen. Sie leben in einem beinahe vollständigen Kommunismus. Schenkt man einem Choroti- oder Ashluslayindianer zwei Hemden, so verschenkt er sicher das eine, und vielleicht alle beide. Bekommt ein Indianer Brot, so teilt er es in kleine Stücke, damit es für alle reicht. Ich vergesse niemals einen kleinen Ashluslayknaben, dem ich Zucker gab. Er biß ein Stückchen ab und aß es anscheinend mit Wohlgefallen auf, dann sog er ein bißchen an dem Rest und nahm ihn aus dem Munde, damit die Mutter und die Geschwister auch kosten sollten. Bekommt ein Choroti- oder Ashluslayindianer einen Rock, so trägt er ihn vielleicht einen Tag, am folgenden Tage hat ihn ein anderer usw. Niemals raucht einer dieser Indianer seine Pfeife allein. Sie soll von Mund zu Mund gehen. Oftmals hat mir ein Indianer die Pfeife aus dem Mund genommen, einige Züge getan und sie mir dann wieder zurückgegeben, denn so will es die Sitte dort. Ein Mann, der viele Fische gefangen hat, teilt mit dem, der weniger Glück gehabt hat.
Es wäre indessen ein großer Irrtum, wenn man glaubte, daß in dem Indianerstaat nicht jedes Individuum das besitzt, was es arbeitet und anwendet. Niemals würde es einem Indianer einfallen, den Besitz eines anderen auszutauschen. Ein Mann würde niemals etwas, was seiner Frau oder seinem kleinen Kinde gehört, weggeben, ohne sie zu fragen. Jede Sache hat ihren Besitzer, da der Besitzer aber mildtätig ist und alle aus seinem Stamme als Brüder betrachtet, so teilt er freigebig mit den anderen. Die Tiere haben Besitzmarken. So sind die Schafe, um den Besitzer zu kennzeichnen, an den Ohren auf verschiedene Weise geschoren. Wird jedoch ein Schaf geschlachtet, so wird das Fleisch an alle verteilt. Bei den Ashluslays haben die gewebten Mäntel Zeichen, die den Besitzer angeben. Einige solche Besitzmarken sind hier abgebildet ([Abb. 4]). Da sie eine Art Namenszeichnung sind, sind sie höchst interessant. Möglicherweise haben indessen die Indianer die Idee hierzu von den Zeichen, mit welchen die Weißen ihr Vieh stempeln, erhalten. Zahlreiche, von den Weißen gestohlene Pferde mit solchen Zeichen habe ich nämlich bei den Ashluslays gesehen.