Die Mäntel sind, wie erwähnt, gezeichnet, trotzdem will derjenige, der einen großen guten Mantel besitzt, nicht allein unter demselben schlafen. In den Ashluslaydörfern pflegten ein paar Indianer oft des Nachts in meinem Bett zu schlafen, offenbar in dem Gedanken: „Du Weißer hast so große Decken, daß sie für mehrere als dich reichen.“

Diese meine Indianerfreunde hätten sehen sollen, wie es bei uns zu Hause zugeht, wie der eine in einem prachtvollen Bett schläft und der andere friert. Die Weißen sind ja auch nicht Brüder. — Gütergemeinschaft herrscht bei diesen Indianern nicht, aber zufolge der großen Mildtätigkeit versucht keiner, sich auf Kosten des anderen einen Vorteil zu verschaffen, sondern teilt freigebig mit allen, was er hat. An dem einen Tage schenkt er, an dem anderen nimmt er Geschenke entgegen.

Abb. 4. Eigentumsmarken auf Mänteln, Ashluslay.

Das Land hat keinen Besitzer, die Äcker gehören dem, der sie bebaut. Land ist genug vorhanden, und es ist Raum da für alle. Sollte die Bevölkerung so groß werden, daß Mangel an anbaubarem Land eintritt, so würde es wohl auch mit dem gemeinsamen Besitzrecht aus sein.

Man sollte meinen, daß in einem Gemeinwesen, wie dem dieser Indianer, eine gewisse Gesetzlosigkeit herrscht. Diebstahl ist unbekannt, d. h. Diebstahl von den eigenen Mitgliedern des Stammes, denn es herrscht dort ein so großes Gemeingefühl, daß niemand zu stehlen braucht. Ich glaube auch nicht, daß die Indianer sich gegenseitig belügen. Dem Weißen lügt man etwas vor, man sagt ihm ganz einfach, was man für nützlich für den Stamm hält. Man betrügt ihn, wenn es paßt, man sagt ihm die Wahrheit, wenn es nicht schaden kann. Ertappt man einen Indianer auf einer Unwahrheit, so betrachtet er es ungefähr so, wie ein Weißer die Entdeckung eines Aprilscherzes. Er lacht und findet es amüsant. Wird man ärgerlich, so hält er den Betreffenden offenbar für dumm.

Abb. 5. Ashluslaypapa mit seinem kleinen Jungen. Rio Pilcomayo.

Der Mord beschränkt sich auf den Kinder- und Elternmord, dies ist aber vom indianischen Standpunkt kein Verbrechen. Das klingt ja schrecklich. Die Indianerin betrachtet es als ihr Recht, die Leibesfrucht abzutreiben und ihr Neugeborenes zu töten, wenn sie will. Sie glaubt offenbar ein Recht an dem Leben zu haben, das sie gegeben. Die Abtreibung der Leibesfrucht geschieht durch mechanische Behandlung in weit vorgeschrittenem Stadium[16] und kommt somit, wenigstens bei den Chorotis, immer in den Fällen vor, wo unverheiratete Frauen schwanger werden. Die neugeborenen Kinder werden getötet, wenn die Mutter von dem Vater verlassen wird, und immer, wenn sie mißgestaltet sind. Ich kenne mehrere solche Kindesmörderinnen, die liebe und gutherzige Mädchen sind. Ein solches ist z. B. Ashlisi, ein Mädchen, das einige lustige Zeichnungen, von denen zwei weiterhin wiedergegeben sind, für mich gemacht hat. Unserer Ansicht nach sollte ein solches Verbrechen eine Frau verrohen. Das ist ein vollständiger Irrtum, denn das Verbrechen verroht erst, wenn es Verachtung seitens der Umgebung verursacht.

Wenn ein Indianer seine alte blinde Mutter oder seinen verkrüppelten Vater tötet, so befreit er sie selbst von einem Leben, das ihnen eine Last ist, und sich selbst von einer Extramühe im Kampfe ums Dasein. Daß sie dieselben zuweilen lebend verbrennen, wie mein Dolmetscher Flores es einmal bei einer alten Frau seitens der Chorotis gesehen hat, erscheint uns natürlich grausam. Möglicherweise haben sie indessen die Alten im Verdacht der Hexerei gehabt. Die sittliche Freiheit ist, wie ich hier unten schildern werde, sehr groß. Untreue und Eifersucht werden durch Schlägereien zwischen den Frauen geordnet. Ein grobes Verbrechen ist auch das Verhexen. Leider weiß ich nicht, wie es bestraft wird.