Wandert man in einer sternklaren Nacht mit einem Indianer durch Wald und Flur, so ist der Sternhimmel sein Kompaß und seine Uhr. Er deutet auf den Orion oder auf ein anderes Sternbild hin und zeigt, wieviel es sich weiter bewegt hat, bis man ankommt.
Er gibt nicht vielen Sternbildern Namen, er kennt sie aber alle. Den dem südlichsten Kreuz am nächsten liegenden Teil der Milchstraße nennen die Chanés „yándurape“, d. h. Straußweg, das südliche Kreuz nebst einigen nahegelegenen Sternen ist „yánduinyaka“, der Kopf des Straußes, die beiden größten Sterne im Zentaur sind „yánduipoy“, Halskette des Straußes, die Venus heißt „coemilla“, Morgen, Orion mit dem Dolche „húirayúasa (Vögel begegnen sich). Ein anderes Sternbild ist „huázupucu“, Rehbockhorn, ein anderes „borévi“ Tapir. Die Plejaden nennen sie „ychu“, die Bedeutung des Namens wissen sie aber nicht, und dies ist das wichtigste Sternbild von allen.
Sitzt man mit den Indianern in der Hütte, so können sie den Platz der wichtigsten Sternbilder am Himmel bezeichnen, ohne sie zu sehen. Sie kennen ihre Lage zu allen Jahreszeiten.
Der Sternhimmel ist nicht nur die Uhr und der Kompaß der Indianer. Er ist auch ihr Kalender. Eine besonders wichtige Rolle spielen dabei hier, wie bei anderen Indianern, die Plejaden. Wenn sie zuerst in der Morgendämmerung am Horizonte sichtbar werden, so ist die geeignete Zeit für die Maissaat gekommen. Daß gerade dieses relativ unbedeutende Sternbild eine so große Rolle in der Astronomie der Indianer spielt, hat zu phantastischen Spekulationen über babylonischen Einfluß Anlaß gegeben.
Fragt man einen Indianer nach der Größe der Sterne und ihren Abstand von uns, so stehen sie unschlüssig da und antworten am liebsten gar nicht. Sie verstehen gleichwohl, daß sie weit entfernt sein müssen.
In den Sagen spielen die Sterne keine große Rolle. Der Chiriguanohäuptling Maringay erzählte jedoch, es war einmal ein Bruder, der mit seinem Schwesterchen spielte. Sie suchten sich zu haschen, sangen und sprangen. Nun sitzen sie als zwei Sterne am Himmelsgewölbe.
Zwei Sternhaufen im Süden des südlichen Himmelsgewölbes sind die Asche eines alten Mannes und einer alten Frau, sagte einmal ein Chiriguano zu mir. Es war eines Abends im August.
Die Sonne ist in der Sage ein Mann und der Mond eine Frau. Einem alten Mann, der Sonne, stahlen die Chanékinder das Feuer, und unter dem Tiru der Mondfrau verbarg sich der zweiköpfige Yahuéte, als er von dem Sohn des Gürteltiergottes verfolgt wurde.
Die Ab- und Zunahme des Mondes hing nach Maringays Erklärung davon ab, daß ein größeres oder kleineres Stück desselben in das Himmelsgewölbe gesteckt wird.
Die Sonne geht über dem Wasser auf und leuchtet uns dann am Tage. Am Abend steigt sie wieder ins Wasser, und des Abends leuchtet sie den anderen Menschen jenseits der Erde. So dachte sich Maringay den Lauf der Sonne. Ich glaube jedoch, daß er dies von den Weißen gelernt hat.