Abb. 36.
a Pfeife. Choroti. ¹⁄₁. b Durchschnitt derselben.
Die Männer scheinen sich wenig um das Aussehen der Mädchen zu kümmern. Um ihren Geschmack zu erfahren, habe ich sie oft gefragt, welches Mädchen sie für die hübscheste hielten. Mit dem gewöhnlichen Takt der Indianer antworteten sie immer ausweichend. Die Männer kommen niemals um Frauen in Schlägerei. Dagegen herrscht bei den Frauen die Eifersucht. Mit Boxhandschuhen aus Tapirhaut ([Abb. 37]) oder einem anderen harten Material und schlimmstenfalls mit Pfriemen aus Knochen kämpfen sie um den begehrten Mann. Es scheint mir, als ob die Indianerfrauen sich mehr durch die Schönheit des Gesichts als des Körpers angezogen fühlten. Unter den Chorotimännern beobachtete ich besonders zwei, welche die Günstlinge der Frauen zu sein schienen. Nach meinen Begriffen sahen sie sehr gut aus. Diese Herren hatten stets an den Händen und im Gesicht Kratzwunden. Das sind Erinnerungen an zärtliche Neckereien. Ein Choroti- oder Ashluslaymädchen küßt niemals den Geliebten, sie kratzt ihn und speit ihm ins Gesicht. Die Chorotifrau sucht sich nach ihrer ersten Menstruation einen Mann aus, der einige Monate lang ihr Liebhaber ist, dann wechselt sie und lebt einige Jahre in Freuden. Schließlich wählt sie ihren Begleiter fürs ganze Leben und wird eine treue und sehr arbeitsame Frau.
Bei den Ashluslays sind die Verhältnisse ebenso frei wie bei den Chorotis, nur, wie mir scheint, etwas primitiver. Nach dem Tanze gehen Mädchen und junge Männer getrennt nach Hause. Die ersteren legen sich vor die Hütten, wo sie der Reihe nach von den letzteren besucht werden. Das sog. Schamgefühl scheint wenig entwickelt zu sein, mehrere Paare liegen zusammen, und Zuschauer sind nicht ungewöhnlich. Auch diese Mädchen werden, nachdem die Periode der freien Liebe zu Ende ist, gute und tüchtige Hausfrauen.
Die Choroti- wie auch wahrscheinlich die Ashluslaymädchen haben keine Kinder vor der Ehe. Dies wird, wie schon erwähnt, durch Abtreibung der Leibesfrucht und Kindesmord geordnet.
Der Leser des Obenstehenden meint wahrscheinlich, daß die „Moral“ unter meinen Pilcomayofreunden nicht hoch stehe. Ich will jedoch darauf hinweisen, daß die Chorotis und Ashluslays, trotz der vollständig freien Liebe in der Jugend, gesunde und kräftige Menschen sind, und daß diese Mädchen, die alle von Blume zu Blume geflogen sind, wenn sie einen eigenen Hausstand gründen, gesunde, wohlgestaltete Kinder bekommen. Durch die von den Weißen eingeführten Geschlechtskrankheiten degenerieren diese Stämme indessen und gehen unter. Die freie Liebe ist für diese Menschen etwas ganz Natürliches; daß in diesem sog. unmoralischen Leben etwas Unrechtes liegt, ist den Indianern und Indianerinnen vollständig unbekannt. Wir dürfen nicht glauben, daß diese Mädchen, die jede oder jede zweite Nacht ihren Liebhaber wechseln, irgendwie schlechter sind, als wenn sie unberührt wären. Sie sind gut und arbeitsam und werden, wie gesagt, tüchtige Hausfrauen und gute Mütter. Das Leben, das sie führen, ist für sie wie für ihre Eltern und anderen Verwandten etwas ganz Natürliches.
Abb. 37. Boxhandschuh. Ashluslay. ½.
Die Chorotifrau wählt sich ihren Begleiter fürs Leben aus. Wie sie bei den Liebesabenteuern die Verführerin ist, so ergreift sie auch zu der festen Verbindung, in welcher sie Kinder zu bekommen gedenkt, die Initiative. Wie es in dieser Beziehung bei den Ashluslays ist, ist mir unbekannt.
In der Regel nimmt die Chorotifrau ihren Mann aus einem anderen Dorfe, doch kommen auch Ehen zwischen Individuen desselben Dorfes vor. Ehen zwischen Chorotis und Ashluslays sind in dem Grenzgebiet zwischen den beiden Stämmen, gleichwie auch zwischen Mataco-Notén und Chorotis und Mataco-Guisnays und Ashluslays nicht ungewöhnlich. In der Ehe zwischen Ashluslays und Chorotis folgen die Mädchen der Tätowierung der Frauen, die Knaben der der Männer.