Was den Leser vielleicht am meisten wundert, ist der Umstand, daß beide primitive Kulturen nebeneinander bestehen können und sicher jahrhundertelang bestanden haben, ohne ineinander zu verschmelzen, ja ohne voneinander zu lernen, und dies, obschon hier keine natürlichen Grenzen vorhanden sind.
Im Mai 1908 besuchte ich, wie gesagt, den Chanéhäuptling Vocapoy am Rio Itiyuro in Argentinien nahe der bolivianischen Grenze. Dies ist einer der Flüsse, der vergebens den Wildnissen des Chaco zu entrinnen sucht. Er entspringt den äußersten, urwaldbestandenen Quellen der Anden und verschwindet in den Trockenwäldern des Chaco.
Vocapoy lag im Streit mit den Weißen, die sein Land usurpiert hatten und seine Auffassung, daß sie nur seine Pächter seien, nicht gelten lassen wollten. Er bat mich um Rat, wie er die Weißen dazu bewegen könne, das Recht der Indianer an dem Land anzuerkennen. Ich riet ihm, sich an den großen Häuptling der Weißen, den Präsident der Republik, zu wenden, und nahm Stellung als Feldmesser der Indianer an. Ich streifte mit den Indianern durch ihr Gebiet und zeichnete eine kleine Skizze, die Vocapoy mit zum Präsidenten nehmen sollte. Die Indianer hießen meine Skizze nicht gut, sondern zeichneten selbst eine Karte von dem Lande.
Abb. 74. Vocapoys Dorf am Rio Itiyuro.
Leider weiß ich nicht, ob Vocapoy die lange Reise nach dem Dorfe des großen Häuptlings vorgenommen hat, ich erwarb mir aber durch die Feldmessung das Vertrauen der Indianer.
Abb. 75. Chanéindianer. Rio Itiyuro.
Als ich Ende Juli 1908 die Chorotis und Ashluslays verließ, begab ich mich über Yacuiba nach San Francisco am Rio Pilcomayo. San Francisco war eine Missionsstation, die die Franziskaner unter den Chiriguanos gehabt hatten, die aber jetzt eingezogen ist. Nicht weit davon wohnen die Tapieteindianer, bei denen ich im August 1908 eine Woche zubrachte.