Gibt es auf dem südamerikanischen Kontinent einen einzigen bewohnbaren Platz, der nicht von den Indianern entdeckt ist?
Diese Frage wage ich mit „Nein“ zu beantworten. Auf den höchsten Gipfeln der Anden finden wir Indianer, in den trockenen Buschwäldern des nördlichen Chaco gibt es Indianer, in den tiefen Urwäldern von Ost-Bolivia streifen Indianer umher, die ungastfreundlichen Inseln um das Feuerland werden von Indianern bewohnt, in den Pampas in Argentinien haben früher viele Indianer gelebt.
Welch kolossale Zeit haben diese Menschen nicht gebraucht, um jeden Bach, jede Pfütze, jede Klippe, jedes Wäldchen auf dem südamerikanischen Kontinent zu entdecken. Vierhundert Jahre lang hat der weiße Mann mit allen seinen Hilfsmitteln Südamerika zu erforschen gesucht, und doch ist noch viel mehr unerforscht, als man gewöhnlich glaubt. Er kennt im inneren Südamerika alle die größeren Flüsse und Verkehrsstraßen, ungeheuer sind aber noch die Gebiete, die niemals der Fuß eines Weißen betreten hat. Die Indianer kennen jeden Winkel, oder haben ihn wenigstens gekannt.
Die Zeit, die zur Entdeckung dieses Kontinents und zur Anpassung an das wechselnde Klima, die wechselnde Pflanzen- und Tierwelt vergangen ist, ist sicher eine sehr, sehr lange gewesen. Das beweisen auch die hunderte Indianersprachen, die von Südamerika her bekannt sind.
Das Gebiet, das jeder Indianer in der Regel kennt, ist kein großes, er kennt es aber genau. Ich habe, wie ich hier schon erwähnt habe, mit den Ashluslayindianern eine Wanderung von etwa 250 km in den Wäldern vorgenommen. Dies geschah in ihrem eigenen Land, und das kannten sie vollständig. Einzelne Individuen kennen infolge des Handelsverkehrs etwas von dem Lande der befreundeten Nachbarstämme.
Ich habe stets die Indianer gefragt, von welchen Stämmen sie gehört haben, und habe sie gebeten, diese aufzuzählen. Dies taten sie gern, solche Stämme aber, von denen sie glaubten, daß ich sie nicht kenne, erwähnten sie ganz einfach nicht. Sie wollen die Kenntnis des weißen Mannes vom Lande nicht unnötig erweitern. Dies ist der Grund, warum es oft so schwer ist, unter den Indianern einen Wegweiser zu finden. Wer den weißen Mann in ein diesem unbekanntes Dorf führt, ist ein elender, des Todes werter Verräter. Die Chorotis sagen immer, im Innern ihres Landes, vom Rio Pilcomayo an gerechnet, wo noch niemals ein Weißer gewesen ist, gebe es keine Menschen. Die Ashluslayindianer waren sehr erstaunt, als ich ihnen das charakteristische Besitztum der Tsirakuaindianer beschrieb und ihnen von den Yanayguas erzählte. Daß der weiße Mann diese Stämme kennt, war ihnen vollständig unverständlich.
Sehr umfassend sind die Kenntnisse der Indianer von dem Kontinent, den sie bewohnen, nicht. Kein Indianer südlich von Santa Cruz de la Sierra kennt z. B. die nördlich von dieser Stadt wohnenden. Der Rio Paraguay ist den Chanéindianern eigentümlicherweise bekannt. Die dortigen Stämme kannten sie nicht. Dort wohnt, sagten sie, ein großer Häuptling. Sie fragten mich, ob ich von diesem Häuptling ausgesandt sei, um alle Gegenstände aus alten Zeiten zu sammeln, damit sie nicht verloren gingen. Diesen großen Häuptling in Paraguay meinte ein alter Sagenerzähler, als er eine Abschiedsrede für mich hielt, die folgendermaßen begann: „Nun kannst du deinem großen Häuptling sagen, daß du uns und unsere Armut gesehen hast ...“
Das Orientierungsvermögen der Indianer ist viel besprochen. Der Indianer besitzt sicher eine sehr ausgebildete Beobachtungsgabe, sein Orientierungsvermögen ist aber nicht so bedeutend. Ich bin mit den Guarayúindianern im östlichen Bolivia etwa 250 km in tiefen, großen Wäldern, die sie nicht kannten, und in denen wir uns oft mit dem Waldmesser Schritt für Schritt einen Weg bahnen mußten, gewandert. Sie führten mich, wenn die Sonne von Wolken bedeckt war, oft irre, was ich an meinem Kompaß sah. Für einen weißen Mann, der aus dem Stadtleben direkt in die Wildnis versetzt wird, ist die Vertrautheit des Indianers mit der Natur merkwürdig. Ist man erst selbst an dieses Leben gewöhnt, so sieht man die Sache mit anderen Augen an.
Abb. 79. Alter Chiriguano mit großem Lippenknopf. Tihuïpa.