Die Entfernung von einem Platz zu einem anderen wird von allen Indianern dadurch angegeben, daß sie zeigen, wie weit die Sonne gehen muß, ehe man ankommt. Ist es weit, so sagt der Indianer, wie viele Nachtlager man bis dahin aufschlagen muß. Lange und kurze Wege sind ja auch bei uns in verschiedenen Gegenden verschiedene Begriffe. Was wir in der Stadt weit nennen, wird auf dem Lande oft kurz genannt. Für den Indianer sind Wege, die dem weißen Mann kurz erscheinen, in der Regel lang. Es fehlt den Indianern des Urwaldes die Marschfertigkeit, die wir bei den Gebirgsindianern finden.
Jedem Hügel, jeder Ebene, jeder Talschlucht hat der Indianer einen Namen gegeben. Die Chanés sagen, vor langer Zeit, als alle Völker an den Ufern des Parapitiflusses fischten, kam ein großer Geist (Añatunpa) zu Pferde und gab den verschiedenen Stellen Namen. Dieser Fluß soll Parapiti (wo getötet wird) heißen, diese Stelle Amboró usw., sagte Añatunpa. Von den Namen von Chanédörfern seien erwähnt: Húirayúasa (Vögel treffen sich), Aguaráti (weißer Fuchs), Aguarátimi (weißes Füchslein), Yóvi (grünes Wasser), Ouivarénda (wo es Chuchio gibt),[54] usw. Die letztgenannte Pflanze, deren Blütenstengel von vielen Indianerstämmen in Südamerika als Pfeilschaft angewendet wird, ist jetzt durch die Rinderherden am Rio Parapiti ausgerottet. Die Chané, die ihre Pfeile früher aus Chuchio machten, bauen jetzt eine Art Schilf an, das sie, gleich den anderen Chacoindianern, als Pfeilschaft anwenden. Andere Orte sind nach Häuptlingen benannt, wie Tamachindi, Tamané und Corópa. Ein Dorf nennen sie Yahuanau. Früher war dort ein Sumpf, an dessen Ufern sich kleine schwarze Geschöpfe (Yahuanau) zu sonnen pflegten. Viele Chanéortsnamen sind unübersetzbar, von einem weiß ich, daß er unanständig ist. Einige indianische Ortsnamen sind sicher sehr alt, denn sie beziehen sich auf Pflanzen, Seen oder Sümpfe, die nicht mehr existieren. Im Caipipendital am Parapiti ist ein Dorf namens Tapiirenda. Das Tal ist jetzt ausschließlich von Chiriguanos bewohnt und keiner von ihnen erinnert sich, daß dort, wie der Ortsname angibt, Tapii (Chanés) gewohnt haben.
Die Ortsnamen der höherstehenden Indianer werden von den Weißen, auch wenn sie die Herren im Lande geworden sind, beibehalten. So haben beinahe alle von ihnen im Chiriguanogebiet bewohnten Plätze Guaraninamen, wie Charagua (Name der vom Wasser eigentümlich ausgeschnittenen Klippen), Carandaiti (wo Palmen wachsen). Die Ortsnamen der niedrigeren Stämme werden dagegen von den Weißen nicht bewahrt. So kennt kein Weißer die Mataco- oder Chorotinamen der verschiedenen Plätze am Rio Pilcomayo. Die Ansiedlungen der Weißen werden nach Heiligen, bolivianischen Staatsmännern und Forschungsreisenden benannt. Wird ein Stamm, wie z. B. die Chorotis, ausgerottet, so bleibt von dessen Sprache nichts in den Ortsnamen zurück. Dies dürfen Ortsnamenforscher nicht übersehen.
Durch die Verbindung mit den Weißen erweitern sich die geographischen Kenntnisse der Indianer bedeutend. Sie gehen immer weitere Wege, um Arbeit zu suchen, und sehen Länder, von denen sie früher keine Ahnung gehabt haben.
Der Indianer als Historiker.
Falls wir die Geschichte der Chorotis und Ashluslays schreiben wollten, könnten wir in der Zeit nicht weit zurückgreifen. Erst in den letzten Jahrzehnten sehen wir sie in der Literatur näher erwähnt. Die Chiriguanos kennen wir dagegen schon von ihren Kämpfen mit dem großen Herrscher Inca Yupanqui, aus der Zeit vor der Entdeckung Amerikas her. Über seine Versuche, das Land zu erobern, berichtet Garcilasso de la Vega.[55] Seine Beschreibung der Chiriguanos als einer äußerst niedrig stehenden, menschenfressenden Rasse ist sicher seiner eigenen Phantasie entsprungen. In den Gebirgstälern hat sich die Tradition von diesen Kämpfen noch bewahrt.
In der spanischen Zeit ist das Gebiet der Chiriguanos trotz der jahrhundertelangen tapferen Verteidigung Schritt für Schritt erobert worden. Erst noch 1890 unternahm ein Teil von ihnen einen letzten Empörungsversuch, wurde aber, wie erwähnt, in der Schlacht bei Curuyuqui, auf der Ebene von Boyuovis, besiegt. Etwa fünftausend Indianer hatten sich dort gesammelt und kämpften einen ganzen Tag mit den Weißen den ungleichen Kampf gegen die Feuerwaffen. Der Kampf hatte des Morgens begonnen, und des Abends, als es dunkel wurde, war er noch nicht beendigt. Die Lage begann für die Weißen höchst unangenehm zu werden, da ihre Munition beinahe zu Ende war. Der moralische Mut der Indianer war jedoch leider gebrochen. Sie verließen in der Stille der Nacht ihre Verschanzungen.
Ein sehr wichtiges Kapitel in der Geschichte dieser Indianer ist auch die lange und beharrliche Arbeit der Missionare, das Land der Indianer auf verhältnismäßig friedliche Weise zu erobern. Diese wird in der Literatur ausführlich behandelt.
Hier will ich jedoch nicht von der Geschichte dieser Indianer, wie wir sie durch die Literatur kennen, sprechen, sondern von dem Indianer als Historiker.
Spricht man mit den Indianern, so wissen sie von ihrer eigenen Geschichte nicht viel, ihre Tradition geht nicht weit zurück. Die Chanés am Rio Parapiti erzählten mir, sie hätten erst am oberen Rio Parapiti gewohnt,[56] seien aber von einem großen Häuptling von dort vertrieben worden. Einige blieben, wo sie jetzt wohnen, andere begaben sich durch den Chaco nach dem Rio Paraguay, welcher Fluß, wie gesagt, den Indianern nicht unbekannt ist. Am Rio Paraguay finden sich auch Arowaken.