Es ist wirklich ganz eigentümlich, daß bei diesen Indianerstämmen ihre Geschichte, der Name ihrer Häuptlinge in Vergessenheit geraten ist, während die Sagen sicher, wenn auch in veränderter Form, jahrhundertelang von Generation zu Generation bewahrt worden sind. Für das hohe Alter der Sagen spricht vor allem ihre große geographische Verbreitung.
Die Gestalten der Sagen und deren Erlebnisse regen die Phantasie an, werden behalten und weitererzählt. Die geschichtlichen Persönlichkeiten und Ereignisse vergißt man.
Sucht man in den Chané- und Chiriguanohäusern, so findet man viele Sachen bewahrt, die jetzt außer Gebrauch sind, die sie aber als Erinnerung an frühere Zeiten ehren und oft nicht hergeben wollen. So sieht man hübsche, runde Pfeifen, „huiramimbi“ ([Abb. 80]), die sicher von Generation zu Generation gegangen sind. Sie wurden früher bei Kriegszügen angewendet. Der alte Maringay hatte alles mögliche aus alter Zeit aufgehoben. Es bereitete mir ein großes Vergnügen, in den Verwahrungsstellen des Alten herumzuwühlen. Ich wollte gern etwas von ihm kaufen, es genierte mich aber, ihm Geld für seine Erinnerungen zu bieten.
In die Wände gestochen fand ich einst Bündel hübscher, ganz verräucherter alter Pfeilspitzen. „Würdest du mir sie nicht verkaufen wollen?“ fragte ich meinen alten Freund zögernd. „Du sollst drei geschenkt bekommen“, sagte Maringay. Nach dieser Abweisung ließ ich ihn seine lieben Sachen behalten.
Einmal ritt ich von Vocapoys Dorf, um einen alten Chané aufzusuchen, der eine hübsche alte Tracht hatte. Nach einigem Zögern zeigte er sie mir. Er hatte sie sorgfältig in anderes Zeug eingewickelt. Wie ein enthusiastischer Museumsbeamter ein altes Kleinod hervorholt, so wickelte er sie sorgfältig auf. Man sah förmlich, wie lieb sie ihm war. Obgleich ich ihm einen sehr hohen Preis bot, wollte er sie nicht verkaufen.
Daß diese Indianer die alten Erinnerungszeichen lieben, beweist, daß sie eine gewisse Kultur haben. Dies gilt jedoch nur für die Alten, die Jungen sind nicht mehr so, die verkaufen alles, ohne zu zögern. Was kümmern sie sich um eine abgenutzte, alte Festtracht, wenn sie ein rotes, flatterndes Halstuch und Hosen mit Rock dagegen bekommen können! Der Siegeszug der Hosen über die Welt hat auch diese Täler und Ebenen erreicht.
Die Chiriguanos und Chanés führen jetzt nicht mehr richtigen Krieg mit anderen Indianerstämmen. Bisweilen machen die Chanés am Rio Parapiti jedoch gelegentlich Streifzüge gegen die Tsirakuaindianer. Die Ashluslays behaupteten auch, wie mir mein Dolmetscher erzählt hat, daß der Tobahäuptling Taycolique bei seinem Einfall in ihr Gebiet 1909 verschiedene Chiriguanos bei sich hatte.
Batirayu erzählte, die Chanés hätten früher die Köpfe der getöteten Feinde heimgebracht und sie bei Festen auf den Plätzen der Dörfer aufgestellt.
Abb. 82. Tongefäß von den Chanés. ¼. Rio Parapiti.