Dieser Baum war in meinen Knabenjahren oft der Mittelpunkt unserer Robinsonspiele gewesen. In die weichen, morschen Wände hatten wir Stufen geschnitten und so ein Auf- und Absteigen in der Höhlung ermöglicht. Dies kam mir jetzt zustatten. Am nächsten Tage, als die Sonne höher stieg, begab ich mich dorthin und konnte von dem erhöhten Aussichtspunkt die interessante Familie unter mir gemütlich beobachten. Vier junge Füchschen konnte ich zählen. Sie sahen aus wie etwas mißratene kleine Schafe, mit ihren wolligen Pelzen, ihren langen, dicken Beinchen und ihrem unschuldigen Gesichtsausdruck. Jedoch bei näherer Betrachtung konnten die breiten, scharfnasigen und scharfäugigen Gesichter ihre Abstammung von einem schlauen Fuchs nicht verleugnen.
Sie spielten umher, wärmten sich in der Sonne oder balgten sich miteinander, bis ein leises Geräusch sie entsetzt in der Höhle verschwinden ließ. Jedoch die Aufregung war unnötig gewesen; denn die Urheberin war die Mutter; sie kam langsam aus den Büschen hervorgeschlichen und trug in ihrem Maul ein Huhn – Nummer siebzehn, wie ich mich entsinne. Ein leiser Ruf, und die Kleinen kamen hervorgepurzelt, und nun begann ein Schauspiel, das ich reizend fand, über das jedoch mein Onkel in helle Wut geraten wäre.
Die Jungen stürzten sich auf die Henne, rissen und balgten sich darum und knurrten vor Behagen, während die Alte Wache hielt. Der Ausdruck auf ihrem Gesicht war bezeichnend. Es war ein vergnügtes Grinsen, aber weder der gewöhnliche wilde und schlaue Blick fehlte, noch Grausamkeit und Nervosität, doch mehr als alles andere war es der Mutter Stolz und Liebe, die sich in ihrem Gesicht aussprachen.
Der Fuß meines Baumes war in den Büschen verborgen und lag bedeutend tiefer als der Erdhügel, in dem die Füchse hausten. Infolgedessen konnte ich kommen und gehen, ohne sie aufzustören.
Immer und immer wieder kehrte ich nach dem Baume zurück, um die Erziehung der jungen Füchse zu beobachten. Schon zeitig lernten sie, bei irgendeinem Geräusch mäuschenstill zu sitzen, und wenn sie es dann zum zweitenmal vernahmen, nach einer sicheren Deckung zu suchen.
Einige Tiere besitzen so viel Mutterliebe, daß sie, davon überwältigt, sie auch auf Fernerstehende ausdehnen. Mutter Vixen schien nicht so geartet. Ihre Liebe zu den Jungen verleitete sie zu übertriebenster Grausamkeit. Oft brachte sie Mäuse oder Vögel lebend nach Haus und vermied mit teuflischer Vorsicht, sie ernstlich zu verletzen, damit die Füchschen sich länger daran belustigen könnten, die armen Opfer zu Tode zu quälen.
Oben auf dem Hügel in einer Obstpflanzung lebte ein Murmeltier. Es war weder hübsch von Aussehen, noch interessant, aber es wußte ein bequemes Dasein zu führen. Zwischen den zähen Wurzeln eines alten Fichtenstumpfes hatte es sich eine Höhle gewühlt, damit die Füchse ihm nicht durch Graben folgen könnten; denn anstrengende Arbeit ist nicht nach Reinekes Geschmack, und er erreicht seine Ziele lieber durch Witz und Schlauheit. Dieses Murmeltier nun pflegte sich jeden Morgen auf dem Stumpf zu sonnen, und sobald es einen Fuchs erblickte, schlüpfte es hinunter in die Tür seiner Höhle, oder wenn der Feind in zu gefährlicher Nähe schien, kroch es tiefer hinein und wartete so lange, bis die Gefahr vorüber war.
Eines Morgens beschlossen Vixen und ihr Gemahl, die Kenntnisse ihrer Kinder durch eine Lehrstunde über das Murmeltier zu bereichern, und als Versuchsgegenstand hatten sie sich das Murmeltier in der Obstpflanzung als besonders passend ausgewählt. So zogen sie denn zusammen bis an den Zaun, der die Pflanzung einschloß, ohne vom alten Einsiedler auf seinem Fichtenstumpf bemerkt zu werden. Vater Fuchs schlenderte dann in einiger Entfernung an dem Stumpf vorüber, mitten durch den Obstgarten, ohne dabei den Kopf zur Seite zu wenden, um das stets wachsame Murmeltier mißtrauisch zu machen. Als der Fuchs auf der Bildfläche erschien, verschwand das Murmeltier im Eingang seiner Höhle und blieb dort ruhig sitzen, wohl wissend, daß Vorsicht die Mutter aller Weisheit sei.
Das war es, was die Füchse gewollt. Vixen hatte sich bis dahin versteckt gehalten, jetzt aber lief sie schnell nach dem Stumpf hinüber und versteckte sich dahinter. Der Alte hatte inzwischen langsam seinen Weg verfolgt. Da das Murmeltier durch das Erscheinen des Fuchses keineswegs in große Angst versetzt worden war, steckte es bald seinen Kopf zwischen den Wurzeln heraus und sah sich neugierig um. Weit in der Ferne gewahrte es den Fuchs, seine alte Richtung immer noch einhaltend. Je weiter der Feind sich entfernte, desto dreister wurde das Murmeltier, kam weiter heraus, und als die Luft vollkommen rein schien, kletterte es wieder auf den Stumpf. Mit einem Sprunge saß ihm Vixen im Genick und schüttelte es, bis es besinnungslos dalag. Der alte Fuchs hatte mit einem Auge das ganze Manöver beobachtet und kam schnell herbeigelaufen. Aber Vixen nahm das Murmeltier zwischen die Zähne, lief nach der Behausung, und der Alte wußte nun, daß man seiner nicht mehr benötigte.