Aber Paris . . . Ist es ein Strom, eine Sonne, eine Nacht, Sturm, Glockenbrausen . . .? Ach, alles ist es; Höchstes und Tiefstes. Auf dem Lande trifft man keine zarteren Farben in den frühsten Tagen des Frühlings . . . Und von welcher Mannigfaltigkeit diese Nächte.

Wie soll ich doch dieses seltsam berauschende Gefühl beschreiben, das mich ergriffen hat, seit ich meinen Fuß auf das Pflaster dieser Stadt gesetzt habe und in die Menge eingetaucht bin; das nun beständig und wie eine unwiderstehliche Macht in mir aufwächst und fast meiner Herr wird. Ist es mir nicht als wäre ich tief im Meer versunken? Fühle ich nicht das Lasten ungeheurer weicher und starker Massen auf mir, ein Lasten wie von Seide und dunklem Samt? Blaugrüne Wogen heben mich, wiegen mich. Ein Lichtstrom rauscht beständig an meinen Augen vorüber, bald blendend in leuchtenden Farben, bald gedämpft, in sterbenden Tönen; Nacht umfängt mich, und wieder reißt es mich ins Gold des glühenden Gestirns. Ein ungeheures Brausen umgibt mich; darin ein Auf und Ab von Tönen, hämmernde Akkorde, die von Not aufschreien, dumpfe, die sich klagend ergeben. Aber hinter dem allen singt und summt eine Melodie, die sich jetzt nähert, jetzt fern zurückweicht, die niemals stirbt, aber die sterben möchte, die sich besinnt, sich aufjauchzend zusammenrafft, wie mit Fäusten zupackt, Blöcke abwehrt, beiseite wirft, und wie mit beständigem Schritt gefaßt ins Leben schreitet . . . und wieder fern wird, sich senkt und verklingt und an schluchzenden Gewässern sich hinwindet und fast verstummt.

Ja, das ist Paris . . . für mich. Ach, viel mehr ist es, — es ist meine Seele, meine Liebe, meine Leidenschaft . . . Ach, ich könnte ja glauben, ich selbst bin es, ich selbst bin diese dunkle unergründliche Stadt . . .

Den 10. August. Ich will es nur gestehen: Das kleine Frauenporträt mit den übereinander gelegten Händen und dem seltsamen Lächeln hinter dem eisernen Ofen macht mir zu schaffen. Es erinnert mich an irgendwen, und ich quäle mich, es herauszubekommen. Ich sehe es oft minutenlang an, oder drehe mich ganz plötzlich weg, schließe die Augen und frage mich, wo ich dieses Gesicht gesehen habe oder an wen es mich erinnert. Aber das Bild hält sein Geheimnis fest. Ja, es ist mir zuweilen, als mache sich die Dame in dem bräunlichen Rahmen noch obendrein lustig über mich.

Heute morgen kommt mir plötzlich der Gedanke, ich könnte ja Frau Labrouquet fragen. Und wirklich, ich bin auch schon auf dem Weg zur Tür, als mir erst einfällt, daß sie es ja gar nicht wissen kann. Wie soll um alles in der Welt Frau Labrouquet wissen, an wen mich diese kleine Dame mit den übereinandergelegten Händen erinnert? Werde ich es doch selbst kaum herausbekommen. Schließlich ist es ja auch ganz gleichgültig. Vielleicht erinnert sie mich an irgendeine Dame, die ich auf Trafalgar Square so und so habe in den Omnibus steigen sehen, oder an die Bewegung einer jungen Frau, die heimlich auf einem Mississippidampfer nach dem rotbraunen Hals des Kapitäns blickte. Vielleicht bin ich ja auch nur einmal in einer Stadt gewesen, die so aussah. Was liegt daran. Aber ich will gewiß nicht selig sein, wenn es mir nicht einen Augenblick so war, als könnte Frau Labrouquet meine Erinnerung auffrischen . . .

Da habe ich heute übrigens den Herrn in dem gelben Mantel und der schottischen Mütze wieder getroffen.

Ich war wohl noch zehn Schritte vom Haus, als ich plötzlich seinen verzwickten Schritt in die Türe hineinpurzeln sehe. War das nicht der Herr in dem gelben Mantel? Richtig. Da sehe ich ihn vor mir die Treppe hinaufgehen. Und was das Beste ist, wir sind Nachbarn. Als ich auf den letzten Treppenabsatz komme, schließt er eben bei Frau Labrouquet die Tür auf und tritt ein. Ich kann gerade sehen, wie das Zwickzwack seiner Beine noch einmal übereinanderpurzelt und es gibt mir einen förmlichen Ruck, daß ich fast über meine eigenen Beine stolpere.

Den 11. August. Na, ich wußte doch, daß es mit diesem Zimmer noch irgendeine Bewandtnis haben würde . . . Ich hatte es doch von oben bis unten umgekrempelt, daß kein Stück auf dem Platz geblieben war und die gute Frau Labrouquet, Witwe, Augen gemacht hatte . . . nun, wie gesagt, Augen, wie die geschiedene Blissot, als das mit dem Sparkassenbuch herauskam. Ja, sie hatte schon selbst ganz fest an das Sparkassenbuch geglaubt und war jetzt ganz empört und überrascht, daß es plötzlich nicht da sein sollte.

Ja so. Es hatte trotz alledem nicht seine Richtigkeit mit dieser Kabine von einem Zimmer. Da brauchte man, weiß Gott, keine feine Nase zu haben. Der Herr Kunstkritiker mit der ewigen Zigarre und der „anerkannten Feder“ war allerdings erledigt. Nein, für die Presse brauchte man jetzt nicht mehr zu schreiben, und von Linienführung und Flächenwirkung und mimosenhafter Zartheit und wie all diese Ausdrücke heißen, war auch keine Rede mehr. Aber, aber . . . da war doch jemand, mit dem ich das Zimmer teilte, das war doch so klar. Ich hatte doch immer so ein leises Gefühl an den Schultern, ähnlich dem, wenn man ein wenig friert. Es konnte nicht lange dauern, bis es herauskam. Nein, Gott sei Dank, heute nachmittag geschah es. Die Gewißheit ist mir doch immer lieber als dieses ungeduldige Ist-es, Ist-es-nicht.

Da hatte ich mich eben fertig zum Ausgehen gemacht. Ich halte die Mütze noch in der Hand und lege gerade die Hand auf das kalte Metall des Türdrückers. Plötzlich fühle ich ihn. Er steht da drüben vor dem Spiegel und dreht mir den Rücken zu. Er beugt sich ein wenig seitwärts und fährt mit dem hoch erhobenen rechten Arm in den Ärmel seines Überziehers hinein.