Und während ich lausche, höre ich ganz deutlich wie er ganz erschreckt sagt: „Ob sie noch da ist? Mein Gott, wenn sie mich eines Tages verlassen hätte . . .“

Aha, denke ich, jetzt soll ich eine Liebesgeschichte zu hören bekommen. Ein kleines Drama wird sich abspielen. Immer sind es doch die Weiber . . .

Und während ich durch die schon abendlichen Straßen gehe, denke ich an die Liebe. An die Liebe mit sechzehn, mit zwanzig, mit fünfundzwanzig, mit dreißig und mit vierzig Jahren. Aber der mit sechzehn gebe ich den Vorzug.

Liebe mit sechzehn Jahren! Woher kamst du? Da ist plötzlich ein mattgrauer Schimmer zwischen den abendlichen Straßen, ein weiches Zerfließen der milchweißen Wolken um die frühe Sichel des Mondes und unser Auge steht voll Tränen. Irgendein Schmerzlich-Süßes-Wehes zieht in unser Herz ein und füllt es mit der Erinnerung alter Tage. Alle unsere Glieder sind von einer wohligen Müdigkeit befallen, in der alle Gedanken hinrinnen und in der jenes unruhig-ruhevolle Glück in uns einzieht, nach dem wir uns nach Jahren noch sehnen, sehnen.

Liebe mit sechzehn Jahren liegt nachts auf frischen Wiesen unter Sternen und läßt das Auge auf dem Mondlicht über jungen Buchen träumen.

Liebe mit sechzehn Jahren blickt den mondhellen Fluß hinunter und hört im Rauschen der Wellen süßere Stimmen als Violinen und Harfen. Ein dunkler Kahn zieht über silberne Fluten und der Glaube zieht ihm entgegen, und hofft ein Glück, so weit und so unermeßlich wie ein Königreich in den Märchen.

Ist es nicht schade, daß Liebe mit sechzehn Jahren so bald stirbt, daß mit den Jahren diese Träume verschwinden und uns nicht mehr besuchen? Sieh diesen blauen Blick, mit dem jene Sechzehnjährige dem Versinken der Sonne im Meere folgt. Sie hat die Hände übereinandergelegt, kleine schmale Kinderhände, wie zu einem Gebet an einen über den Wolken, sie hat das Haupt ein wenig zurückgelehnt und zwei blonde Haarsträhnen weht ihr der Abendwind leicht in die Stirn. Sieht nicht so das Glück aus?

Ja, was mich betrifft, ich gäbe alle Weisheit und alle gescheiten Einfälle, ich gäbe Ansehen, Stellung, Amt, und besonders alles, was Bildung heißt, alles, alles gäbe ich jetzt dahin für einen einzigen, dieser unsagbar süßen Träume der Jugend. Ich weiß, wenn die Leute alt werden, lächeln sie über diese schwärmerischen Ekstasen. Sie begreifen nicht, daß man stundenlang auf einer taufeuchten Wiese unter Sternen liegen mag, um an ein Paar blaue Augen und einen blonden Kopf zu denken und an nichts als dies. An Augen, die vielleicht einer kleinen und sehr dummen Musikschülerin gehören, die einen nie gesehen hat, und die für einen Lehrer mit einem schwarzen Schnurrbart und seidenen Taschentüchern schwärmt.

Warum glauben wir Erwachsenen doch immer, es zeuge von Vernunft und Reifsein, wenn man keine platonischen Fensterpromenaden mehr macht, sondern, mit Verlaub zu sagen, sich recht bald, nachdem man die Bekanntschaft einer jungen Dame gemacht hat, nach einer passenden „Gelegenheit“ umblickt?

Was mich betrifft, so bedaure ich wirklich sehr, nicht mehr so dumm sein zu können, wie mit 16 Jahren; denn mit dieser Dummheit begann auch jenes unnennbar grenzenlose Hoffen, jenes unermeßliche Ahnen von etwas Kommendem zu entschwinden, das die Jugend so reich, so reich macht, daß selbst der ungeheure Besitz eines Petroleum- oder Eisenbahnkönigs dagegen nur ein totes, wertloses Nichts ist.