Den 12. August. Also, mein scheinbar so verrückter Einfall mir bei Frau Labrouquet, geschiedenen Blissot, Rat zu holen über das verteufelte Frauenzimmer da hinter dem eisernen Ofen war gar nicht so absurd! Wer weiß, vielleicht hat man das kleine Fräulein Foujeu, spätere Blissot und noch spätere Labrouquet, Witwe, als sie noch in die 57. Gemeindeschule ging, doch einmal mit der Gioconda bekannt gemacht. Oder wer kann wissen, warum es eines Tages dem kleinen Laufmädel Mimi Foujeu wünschenswert erschienen ist, etwas von Raffael di Urbino und Lionardo da Vinci zu wissen. Vielleicht ist sie zu diesem Zwecke doch zwei oder dreimal im Louvre gewesen, obgleich sie die „alten Heiligen“ immer recht schrecklich fand und nachts von ihnen träumte.
Nein, das ist nun wahr; wenn sie etwas erreichen wollte und es sich in den Kopf gesetzt hatte, dann war Fräulein Foujeu eine genau so energische Person wie noch heute die gute Frau Labrouquet, Witwe, die doch nun bereits seit zwei Stunden am Schlüsselloch steht, um endlich einmal festzustellen, was es denn mit ihrem neuen Mieter für eine Bewandtnis habe. Ich muß mir, weiß Gott, irgend etwas für sie ausdenken. Stellen Sie sich doch nur vor, zwei Stunden mit gekrümmten Rücken dastehen und dabei noch beständig den kühlen Luftzug, der durch das Schlüsselloch auf das Auge strömt . . . Das beste ist, ich schieße meinen Revolver ab. Oder nein. Vielleicht küsse ich einmal das Bild da hinter dem Ofen; das könnte sie ausgezeichnet durchs Schlüsselloch beobachten. Ja, ja, das werde ich tun. Ich werde die Gioconda küssen, als wäre sie meine Angebetete . . .
So . . . jetzt ist das kleine Fräulein Foujeu doch noch auf seine Kosten gekommen . . .
Ja, man hätte mir die sieben Foltern androhen können, und ich wäre hier nicht auf die Gioconda gekommen. Zufällig entdeckte ich heute das Bild im Louvre.
Aber es ist mir auch gar nicht so unerklärlich, daß ich das Bild hier nicht erkannt habe, trotzdem es eine recht gute Reproduktion ist. Wie um alles in der Welt denkt man hier an eine Gioconda? In so einem Zimmer, das doch auch schon zu galanten Zwecken benutzt wurde — ja, weshalb eigentlich „galanten“? Nein, das verstehe wer will. — Wie ist man hier auf eine Gioconda vorbereitet! Hier wünscht man eine „Susanne“ zu sehen, oder die nackten Göttinnen vor Herrn Paris oder wenn etwas Gemüt dabei sein soll, ein „Allein“, ein „Endlich-Allein“ oder noch besser ein „junges Glück“ in einem vergoldeten Rahmen.
Ja, „junges Glück“, das würde hierher passen, viel besser zum mindesten als die Gioconda, auf die man, wie gesagt, nicht vorbereitet ist und deshalb nicht erkennt. So ist es doch. Wenn ich, sagen wir, Herrn Roosevelt, ohne davon in den Zeitungen gelesen zu haben, urplötzlich auf dem Rücken eines Elefanten oder mit einem erbeuteten Gorilla auf der Schulter am Kongo getroffen hätte, wie um alles in der Welt, hätte ich da den großen Staatsmann, der er doch zu Hause sicherlich ist, erkennen sollen? Selbst wenn ich, wie es ja leider nicht der Fall ist, sein bester Freund wäre?
Madonna Gioconda in ihrem bräunlichen Rahmen, der mich an alte Kontore erinnert, lächelt unergründlich. Ich glaube, wenn man das Bild und die Frau lange ansehen könnte, würde sie zu leben beginnen. Ich kann es so deutlich fühlen, wie die Konturen ganz leise im Bilde erzittern würden. Und könnte sie nicht die übereinandergeschlagenen Hände aufheben, um einen mit einer Geste zu berühren, unter der man schaudern würde, wie unter dem Gedanken einer mütterlichen Blutschande?
Es ist so seltsam mit diesen furchtbaren Händen. Man weiß nicht, werden sie Himmlisches tun oder Tierisches. Und wenn Tierisches, werden sie nicht, indem sie es tun, es auch heilig sprechen? Und müßte man nicht den Wunsch haben, sie zu küssen, auch wenn sie Lasterhaftes getan hätten? Ich meine das so, wenn sie an einem lebenden Weibe wären.
Eigentlich ist es ein furchtbares Bild. Ich werde es von jetzt ab nicht mehr ansehen.