Aber was rede ich mir denn ein? Haben meine Bedenklichkeiten vor diesem Bilde mit der Entdeckung, daß es die Gioconda des Lionardo ist, auch nur um einen Deut abgenommen? Diese Ähnlichkeit war es also nicht? Also eine andere? Aber welche, welche? Es ist mir doch als erinnerten mich diese Züge . . .
Ach, an alle erinnern sie mich, an alle . . .
Mögen sie mich doch erinnern, an was und an wen sie wollen und meinethalben an Frau Labrouquet, die geschiedene Blissot.
Den 13. August. Der gute Herr, da hinten vor dem Spiegel, der sich ein wenig links beugt und mit erhobenem rechten Arm in das Ärmelloch fährt, ist der vollendetste Narr, den ich je gesehen oder erlebt habe. Wann mag er nur hier gewohnt haben? Ob es lange her ist?
Die Liebe hatte ihm in ganz erheblichem Maße den Kopf verdreht. O ja, in sehr erheblichem Maße kann man sagen. Liebte er etwa ein Weib aus Fleisch und Blut? Oder liebte er ein Weib aus Holz und Öl? Allewetter, dieser junge Mann hatte Talent. Wissen Sie, in wen er verliebt war? So gehen Sie in die Salle carée im Louvre und betrachten Sie dort das Frauenporträt von Lionardo da Vinci! Ach, Sie müssen nicht glauben, daß es ein schlechter Witz von mir ist. Wenn dieser Mensch nicht von dem glühendsten und wahnsinnigen Wunsch gepeinigt wurde, Madonna Gioconda an sich zu reißen, wie nur je eine Dame in einer verschwiegenen Ecke, so will ich nicht selig sein. Aber ich möchte auch elf gegen zwei wetten, daß es keine Dame aus Holz und Öl war, die dem armen Tropf so traurig das Oberste zu unterst kehrte.
Den 14. August. Was sich doch in so einem kleinen Zimmer, sogar bei einer Witwe wie Frau Labrouquet zuweilen für Tragödien abspielen.
Da sollte man nun glauben, die großen Ereignisse fänden alle vor einem Parkett von Zuschauern und unter dem Mikroskop der öffentlichen Meinung statt. Aber nein. Hier hinter einem Tisch mit einer roten Decke, hinter zwei verstaubten Gardinen und sozusagen hinter einem eisernen Ofen, ist der Schauplatz der ernstesten Vorgänge. Die Kopie nach der Gioconda ist offenbar ein Erbstück des armseligen Schattens, der mir seine Aufwartung macht. Er hatte sich nichts Geringeres in den Kopf gesetzt als das Original aus dem Louvre zu stehlen.
Der arme Tropf! Wahrscheinlich verwechselte er es mit seiner Angebeteten. Er stellte sich eine heimliche Entführung im Automobil vor, und dann wollte er es — — ja, wie war es gleich? Ich habe es wieder vergessen. Ich glaube, er wollte es hinter einen Spiegel nageln, oder als Rücken in einen Schrank einlassen. Ich weiß es nicht mehr genau.
Den 15. August. Bei allen approbierten Heiligen! Jetzt ist es heraus. Ich habe mich gröblich getäuscht. Der Gelbe ist es! Der Gelbe hat den sauberen Plan aus der Westentasche seines Gemüts geboren. Die Sache wird also ernst, haha! Er wird die Gioconda stehlen! . . .
Ja, aber wie — wie weiß ich es denn? Was kümmern mich auf einmal meine Nachbarn, bis jetzt waren es doch immer nur meine Vorgänger? Unsinn. Was zerbreche ich mir darüber den Kopf. Als ob mich die Sache aufregte. Die Gioconda stehlen! Nun, ebenso gut könnte er sich ja in den Kopf setzen, den Eiffelturm vom Champs de Mars wegzuschleppen oder das Ministerium mit Herrn Delcassé.