Sich auszumalen, daß es eines Tages in den Zeitungen hieße: Die Gioconda gestohlen! Man braucht sich doch nur das vorzustellen, um einzusehen wie verrückt dieser Plan ist.
Die Gioconda gestohlen! Das wäre wahrhaftig ein Spaß. Das käme mir beinahe vor als wollte einer alle Frauen auf einmal aus der Welt schleppen.
Ja, so käme es mir wahrhaftig vor. Er soll es nur versuchen, er soll es nur versuchen . . .
Ich schäme mich fast, es mir selbst zu gestehen, aber wahr ist es: ich kann ihn begreifen, in seinem seltsamen Wahnsinn und ich glaube, daß es vielen so geht. Ich habe mich schon beobachtet, daß ich vor dem Bilde stehe und zu mir selbst sage: Ich liebe dich, Gioconda. Ich könnte es wahrhaftig flüstern wie man ein lange zurückgehaltenes Liebesbekenntnis für sich flüstert. Aber ich habe ja meine gute Vernunft, die mir sagt, es ist ein Bild. Gott sei gepriesen für diese Vernunft!
Der arme Kerl tut mir leid; was wird er sich alles anrichten. Pfui Teufel . . . und dabei ist er ein Grundehrlicher . . . Man muß wirklich Gott danken, daß man nicht so von Sinnen ist wie er.
Denn das ist er. Was hat er sich nun obendrein für einen Unsinn in den Kopf gesetzt. Jetzt will er wissen, daß der Kunsthändler Duval in der Rue de Rome einen Dolch aus rötlichem Stahl besitzt.
Nun, ich weiß nicht, ob es rötlichen Stahl gibt, und vielleicht besitzt Herr Duval ja auch einen solchen Dolch. Aber wie um alles in der Welt kann es ein Dolch aus rötlichem Stahl sein mit der Aufschrift: Tibi Gioconda? Und nicht genug, er kapriziert sich darauf, daß der Dolch aus den toledanischen Werkstätten und eine Arbeit aus dem 14. Jahrhundert sei.
Nun, wir werden ja sehen. Dieser Mensch ist ein vollkommen Irrsinniger oder ich will nicht selig sein.
Den 16. August. Wie der Mensch sich selbst belügen kann! Ich glaube, es gibt sogar Menschen, die lügen sich ihre ganze Existenz vor. Also da versuche ich mir nun einzureden, daß mich die Sache mit dem Diebstahl nichts angeht, daß sie mich nicht im mindesten aufregt und daß ich ihr so gleichgültig zuschaue wie ein langjähriger Abonnent dem 21. Tode der Maria Stuart. Und dabei hat mich doch sofort eine unerklärliche, heiße Angst befallen, die mir fast die Kehle schnürte und mich die ganze Nacht durch Paris trieb.
Und wie ich es auch anstellte, welchen Weg ich einschlug, nach Norden, Osten, Westen, Süden, immer stand ich zuletzt vor dem Portal des Louvre-Museums, gerade als müßte ich achtgeben, daß niemand die Gioconda fortschleppt. Nun, aber ebensogut könnte ja auch einer mit der Venus von Milo am Arm die Rue de Rivoli hinuntergehen.