Jetzt denke ich doch schon erheblich ruhiger über den Fall. Wie töricht ist es doch auch, sich über das Unmögliche aufzuregen.
Ich sollte mir lieber Gedanken darüber machen, wie die Liebe ihm so den Kopf zerstücken und zerflicken konnte.
Daß es aber auch kaum einen Mann gibt, dem nicht der Knüppel Weib zwischen die Beine fällt. So oder so. Der eine bleibt an einem Dienstmädchen hängen oder an einer Gouvernante und der andere stolpert sozusagen über die Idealität des Weibes.
Ja, was dies betrifft, so sind schon mehr Männer als man glaubt daran zugrunde gegangen.
Aber, wer zum Teufel, heißt sie denn auch beim Weibe die Erfüllung der zehn Gebote suchen. „Du sollst nicht lügen.“ Nun, bei allen Aufrechten, ich habe weder jemals ein Weib gesehen, das nicht lügt, noch wünsche ich es je zu sehen. Ein Weib, das nicht lügt, ist uninteressant, und ein Weib, das die Wahrheit sagt, langweilig. „Du sollst nicht lügen.“ Das ist wie alle Du-sollst eine Bequemlichkeitsvorschrift. Die Faulheit hat sie gemacht. Diejenigen haben sie aufgestellt, die zu dumm waren und fühlten, daß sie echt und unecht nicht von sich aus unterscheiden konnten. Da gaben sie jedem Ding erst seinen umständlichen Stempel: Dies ist Gummiarabikum und dies ist Nitroglyzerin. Wer nun einem Nitroglyzerin unter die Nase hält und sagt, es sei Gummiarabikum, der ist „unsittlich“. Wie lächerlich ist das doch.
Mögen die Männer immerhin sittlich sein. Die Frauen sind mir zu gut dazu. Wer will denn einen abgerichteten Star im Käfig haben? Und ist es — ja bei Gott — gibt es eine größere Freude, als einer Frau hinter etwas zu kommen! Hinter ihre Schliche oder womöglich hinter ihr — Bewußtsein!
Wenn man von den Frauen die Erfüllung der zehn Gebote verlangt, nimmt man ihnen dann nicht alle Hintergründe? Sehen Sie nur diese Gioconda! Haha, der alte da Vinci ist mein Freund! Er glaubte und liebte wie kein anderer die Hintergründe des Weibes, diese unergründlichen Hinter- und Abgründe, durch die man hinauf- und hinabstürzt ins Herz der Natur und zuweilen in das Grauen der Welt. Kann man es etwa ansehen dieses Bild, bis zu Ende ansehen? Nun, den will ich sehen, dem dabei nicht schwindlig wird. Es ist wahrhaftig kein besonderes Vergnügen ins Nichts, ins Ewig-Leere, ins Unbegrenzte hinunterzugondeln. Einen Halt muß der Mensch doch haben, einen Glauben; und sei es auch nur Halt und Glauben an einem Laternenpfahl.
Mich wundert es nicht, wenn es auch größeren Geistern vor dem Rätsel Weib schwindlig wird. Nun, natürlich größeren Geistern. Kleine werden ja nie schwindlig, sie gehen immer sicher und schwindelfrei auf dem Bürgersteig der öffentlichen Sittlichkeit. Mit einem „du sollst“ rechts und einem „du sollst nicht“ links, legen sie ihren Lebensweg anständig und honett zurück und legen sich sogar gut abgebürstet ins Grab, wo sie mitsamt ihrer Sittlichkeit verwesen.
Aber die andern! Ja, ich sah manchen auf dem Weg nach seiner Heimat selbst in diesem elektrisch beleuchteten Jahrhundert Irrfahrten machen, die hinter denen des Odysseus nicht zurückstanden, und ein neuer Homer, mein’ ich, brauchte nicht unter die Arbeitslosen zu gehen. Aber Odysseus hatte doch schließlich und endlich zu Hause eine Penelope, die treu war. Oder? Oder sollte das nur — ein Märchen sein? Ein Märchen, mit dem der große Dichter sein großes griechisches Kind einwiegte und in Schlummer sang? Wollte er auch zum Glauben an Treue verführen? Mußte er auch einmal hinter alle Hintergründe eine letzte Kulisse schieben, weil ihm sonst schwindelte?
Nein, nein, ich halte es lieber mit meinem alten Lionardo!