Nein, weiß Gott, so lustig war es nicht immer. Was glaubt man denn, was sich in der Brust vieler Menschen begibt?
Und doch, wenn ich es so recht bedenke, so war ich noch immer froh, wenn sich auf diese Weise etwas in meinem Leben ereignete. Hatte ich dann nicht wenigstens etwas, was mich ausfüllte, beschäftigte, was mich hinderte, die ungeheure Leere zu entdecken, als die ich mir zuweilen selbst vorkam? Gibt es denn etwas Entsetzlicheres als nichts zu sein? Lieber verkriecht man sich noch hinter die Gebärden und Masken eines anderen. Und ist es nicht besser, wenigstens noch etwas zu scheinen als ganz nichts zu sein, ein wesenloser Schatten, ein Gespenst . . .?
Ja, ich war diesen Überbleibseln im Grunde genommen doch immer sehr dankbar . . .
Na ja, ich sprach einmal mit einem Mediziner darüber: Es war ein berühmter Arzt und ich lernte ihn auf dem Bahnhof einer kleinen russischen Stadt kennen. Ich war gerade ganz ausgezeichneter Stimmung, denn ich war zwei Stunden durch den Schnee über Land gegangen und der Himmel war so klar und hell gewesen. Besonders ein Stern gerade vor mir, ach wie hatte der blau gefunkelt. So rätselhaft zwinkernd kühl und blau, wie ja, . . . . seltsam . . . . jetzt möchte ich fast glauben, er habe gelächelt wie das Frauenbild da hinter dem eisernen Ofen an der Wand. Oder besser noch wie ihre Hände da, hatte er gelächelt . . . Aber gleichviel; ich war in einer vorzüglichen Stimmung und so erzählte ich denn dem Arzt die Geschichte von der Soubrette. Aber ich erzählte es so, als sei es einem Freunde von mir passiert, und ob das nicht sonderbar wäre.
Nein, das wäre nicht sonderbar, sagte der berühmte Arzt. Und dabei zog er seine goldene Uhr heraus, klappte den Deckel auf und machte ein Gesicht, als wolle er zu einem Patienten sagen: Ja, Sie haben noch zwölf Minuten zu leben.
Nein, sonderbar sei das keineswegs; und dann nannte er auch irgendeinen griechischen Namen, den ich nicht verstand. Das Wort erinnerte mich nur von fern an Hippopotamos, und da erzählte ich ihm schnell die Geschichte von einer Mumie, die ich mal in der Nähe von Gizeh gefunden hätte und die eine auffallende Ähnlichkeit mit dem gegenwärtigen preußischen Ministerpräsidenten gehabt habe.
Das sei allerdings sonderbar, sehr sonderbar, sagte der berühmte Arzt. Und interessant sei es, ja außerordentlich interessant!
Wir schüttelten uns ganz herzlich die Hand, als wir uns trennten; wie gute alte Freunde.
Die alte Mumie hatte uns entschieden einander erheblich näher gebracht.
Den 9. August. Nun bin ich wieder seit fünf Tagen in diesem alten Paris. Hätte ich glauben sollen, daß diese Stadt noch einmal solchen Eindruck auf mich machen würde? In spätestens vierzehn Tagen wollte ich nach dem Süden gehen, in die Provence; aber wenn Paris fortfährt, mich mit seinem berauschenden Zauber zu erfüllen, werde ich den ganzen Herbst und Winter hindurch hier bleiben. Bis in den Frühling. Und wenn alles kommt, wie ich es mir denke, wird nach all dem im Mai ein Landaufenthalt an den einsamen, stillen masurischen Seen für mich das Richtige sein . . .