Nein, nein, wie deutlich ich dieses Kind doch vor mir sah!
Da war ein Läufer mit roten Streifen, der lief längelang durch das Zimmer. Wenn sie sich an ihrem Grafen satt geträumt hatte und nicht mehr weiter wußte, ging sie an den Schrank und holte ihr bestes Kleid, es war rosa, und Lackschuhe heraus, mit breiten Seidenschleifen.
Es dauerte nicht lange, bis sie es an hatte. Sie guckte auch nur zweimal in den Spiegel. Was man doch für ein Mädel war! Es war wirklich schad um einen. Ja, ein bißchen schad war’s schon.
Aber dann stellte sie sich ganz an das Ende des einen Streifens, raffte an beiden Seiten den Rock hoch, daß die Füße in den schwarzen Strümpfen bis zum Knöchel sichtbar waren und dann . . . dann balancierte sie auf dem schmalen roten Streifen ganz vorsichtig durchs Zimmer . . . eins . . . zwei . . . eins . . . zwei. Ganz vorsichtig und immer einen Fuß vor den andern . . . . Um keinen Preis wollte sie von dem roten Strich abweichen, und sie hielt den Atem an und sah ganz gespannt auf die schwarzen Schleifenschuhe. Es war ihr bitter Ernst sozusagen. Denn wenn sie heftig ins Schwanken geriet, dann mußte sie auflachen, als würde sie von jemandem — wie wahnsinnig gekitzelt. Fiel sie aber um, dann stieß sie sogar einen richtigen Schrei aus, so daß Frau Vrany, die Wirtin, ganz erschrocken hereingestürzt kam und sagte: „Aber Fräul’n, was hab’n S’ denn? Möcht mer doch grad mein’n, S’täten’s schon am Spieß stecken. I hab mi ja am Tod d’erschrocken.“ Aber dann saß sie irgendwo am Boden, lachte als würde ein Schlittengeschell wie rasend geschüttelt, wurde dann ganz ernsthaft und sagte mit einer Miene, von der nur der liebe Gott wissen konnte, ob sie echt oder falsch war: „I bin halt wieder runterg’fall’n, Frau Vrany; denken S’, nur drei Schritt noch von der Tür.“ Und während sie das sagte, fuhr sie einmal mit der Hand ganz schnell an ihrer stumpfen Nase vorbei, als gäbe es da etwas abzuwischen. Aber das war natürlich gar nicht der Fall, denn als Putzmacherin verkehrte sie ja schon seit einem halben Jahre mit den Damen der besten Gesellschaft.
Daß es so ein tragisches Ende mit der Kleinen nehmen mußte! Ach, weiß Gott, wenn sie auch eine Soubrette war, so war sie doch unschuldig wie eine Apfelblüte. Da war Herr Werder, ein dicker rötlicher Clown an dem Tingeltangel. Was denken Sie, was er eines Tages zu der Kleinen sagt?
„Nun, Fräulein,“ sagt er eines Tages, „Sie werden ja jeden Tag dicker. Jetzt können Sie schon bald die komische Alte spielen.“
Und was tut die Kleine? Sie geht nach Hause und stellt sich vor den Spiegel und weint und weint und weint . . .
Zwei Tage später zogen sie sie aus der Donau.
Hole doch der Teufel diesen roten Clown.
. . . Ja, es war wirklich ein Erlebnis, in dem kleinen verlassenen Palast dieser Soubrette zu wohnen! Ich habe mich selten so köstlich amüsiert, obgleich ich doch häufig solchen Überbleibseln, oder soll ich sagen, solchen Schatten begegnete. Diplomaten, Gelehrte, Bettler und Könige, Diebe, Tapezierer und Fabrikanten, Bürgerfrauen, Dirnen, Heilige, Marktweiber und Kupplerinnen, Trunkenbolde, Asketen, Schiffer, Matrosen, Soldaten und amerikanische Milliardäre haben genau wie diese kleine Soubrette Dodo mir ihren Schatten vermacht, und ich habe auf mancherlei Weise nach ihrer Pfeife tanzen müssen, wenn es auch nicht immer so lustig war und mit einem Kimono um die Schultern wie in dem kleinen Zimmer in der Alserstraße.