Ich sitze also am Boden und schreibe auf meinem Koffer. Auf meinem kosmopolitischen Koffer . . . .

. . . Wenn ich noch an den kleinen verlassenen Palast der kleinen Soubrette denke, den ich in Wien im Alser Bezirk bewohnte. Zufällig habe ich später erfahren, daß sie wirklich in einem Tingeltangel in Hernals auftrat. Gerade an dem Tage als ich einzog, war sie zum erstenmal aufgetreten. Vorher war sie eine kleine Putzmacherin gewesen . . .

Nein, was lebte doch in diesem Zimmer — es war nur zwei oder drei Meter breit und vier lang — für ein kunterbuntlustiger Soubrettengeist. Gleich als ich unter der Tür stand und den Fuß noch nicht über die Schwelle gesetzt hatte, mußte ich ganz laut diese närrische Strophe deklamieren:

„Ich liebe dich, mein Hunderl,

Ich bin verrückt nach dir . . . .“

Die Wirtin sah mich ganz verdutzt an. Aber ich sagte, ich sei eben im Variété gewesen, habe die Strophe gehört und ob sie ihr nicht auch gefiele.

Und wo ich ging und lag und saß und stand, immer arbeitete der Geist dieser kleinen, verrückten Person in mir fort.

Ich saß auf dem Stuhl und sagte: „Da kam ein kleines Mädchen auf ihn zu, das hatte einen Hut auf, der war ziegelrot mit funkelnagelneu . .“

Ja, man beging die unglaublichsten Dinge in diesem Zimmer. Einmal erwischte ich mich dabei, wie ich der Köchin gegenüber im Hause die Zunge herausstreckte und ihr eine Nase schnitt. Oder ich tanzte plötzlich vor dem Spiegel eine Kakewalk und hatte mir dazu den Kimono aus Yoshiwara umgehängt. Und welche Träume hatte man in diesem Palast! Nun eben die Träume einer ganz kleinen, verrückten Soubrette. Ein Graf sprach einen auf der Straße an. Es war im Volksgarten, gerade vor dem Denkmal der Kaiserin. Welch ein Duft von Beeten und Blumen. Und welch ein Sommerabend . . . Ach . . . Einem solchen Grafen mußte man sich ja gleich in den Arm hängen. Da war wirklich nichts dabei. Er hatte auch bei den Husaren gedient und war Leutnant. Und Rosen hatte er in den Händen, rote Rosen. Er sagte, sie seien für eine andere bestimmt, aber nun wolle er sie mir schenken. Denke nur. Gleich am andern Tag wollte er einen Ausflug mit mir machen. Ich wollte nicht, aber sein Wille war stärker. Auf der Sophienalpe küßte er mich zum erstenmal. Ich hatte ein neues rosa Kleid an, das ausgeschnitten war . . . . Ach und dann wurden wir so namenlos glücklich . . . Gott, wie lieb ich ihn hatte, und wie gut er war. Er nannte mich immer Dodo, das gefiel mir so gut, wenn er’s sagte, und ich hatte es mir auch gewünscht. Aber dann kam das Duell. Wegen mir. Ein Leutnant von den Deutschmeistern hatte nämlich etwas über mich gesagt. . . Ach, wie ging es doch aus? Wurde mein Graf getötet? Nein, ich weiß nicht . . . aber die Sonne ging so blutrot über der Donau unter und die Nebel stiegen herauf. „Die weißen Abendfrauen kamen über das Meer“ . . . Das klingt hübsch, nicht wahr? Ich habe es von einem wundervollen Dichter gehört. Er konnte überhaupt so schön schreiben, daß man ganz traurig wurde und weinen mußte . . .

Ja, ich konnte sie ganz deutlich vor mir sehen, diese verrückte, kleine Person. Schlank und biegsam war sie wie eine Gerte. Sie hatte nußbraune Haare, einen rosigen Teint und die Nase war ein wenig eingedrückt. Das gab ihrem Gesicht sozusagen etwas Bedenklich-Komisches. So oft man sie ansah, mußte man leise den Mund verziehen. Aber dann platzte sie heraus und glaubte, sie habe einen glänzenden Witz gemacht.