Überhaupt habe ich heute den größten Teil des Tages damit zugebracht, das Zimmer umzuräumen. Ich konnte schon in der letzten Nacht nicht schlafen und hatte immer das Gefühl, es sei jemand im Zimmer. Der Schrank, das Bett, der Spiegel, die Stühle, alles tat noch den Willen des Menschen, der hier vor drei oder vier Tagen ausgezogen sein muß.
Ich kann noch ganz deutlich sehen wie er zum Beispiel da hinter dem Tisch auf dem roten Plüschsofa gesessen hat. So — die Hand so ans Kinn gestützt und guckt da hinaus nach dem Schornstein auf dem gegenüberliegenden Dach. Und immer rauchend. Mittelsorte. Es muß ein Kunstschriftsteller oder Theaterkritiker gewesen sein; ein ganz gewöhnlicher, oberflächlicher und uninteressanter Mensch. Aber trotzdem eine „anerkannte Feder“ und ein „gemütvoller Plauderer“. Auf alle Fälle ein Mensch, der sich zum Platzen ernst nimmt. „Wie schrieb ich doch damals, als Ibsen mich besuchte . . .“
Ja, weiß Gott, man konnte es an den Möbeln sehen, wie langweilig und bürgerlich und ernst dieser Mensch war. Ich mußte ja die ganze Bude auf den Kopf stellen, um den Geist dieser „anerkannten Feder“ los zu werden. Ja, außer dem alten eisernen Ofen in der Ecke und dem Bild dahinter — übrigens ein eigentümliches Frauenporträt —, ist auch kein Ding mehr an derselben Stelle geblieben.
Frau Witwe Labrouquet wird Augen machen!
Augen, wie die geschiedene Blissot an dem Tage, als es herauskam, daß es mit dem Sparkassenbuch von 2500 Frank, im Vertrauen, auf welches Herr Labrouquet ihr die Hand vor dem Altar gereicht hatte, nichts war.
Der arme Herr Labrouquet!
Er wußte ja nicht, daß bei einer Frau immer etwas herauskommt. Es braucht nicht gerade ein falscher Busen zu sein, aber vielleicht eine irrsinnige Schwester; oder der Vater hat einmal im Zuchthaus gesessen oder sie hat einmal binnen vier Wochen zwei Verlobungen aufgelöst. Bekommen. Ach, es ist nicht immer etwas Wichtiges. Vielleicht verschweigt sie dem Bräutigam ja nur einen hohlen Zahn oder daß sie einmal ein Kind hatte . . . aber heraus kommt immer etwas. Und es ist wahrhaftig eine Herzensfreude, so einem jungen, freundlichen Ehemann zu begegnen am Tage, da etwas raus gekommen ist.
Männer können ja viel dümmere Gesichter machen als Frauen. Unfreiwillig natürlich. Denn wenn eine Frau dumm sein will, ist sie auch darin Meister.
Nein, nein, ich habe diesmal kein Glück gehabt mit meiner Wohnung. Warum um alles in der Welt mußte ich auch diesem gelben Mantel und dieser schottischen Mütze nachlaufen? Trotzdem ich den ganzen Bau sozusagen auf den Kopf gestellt habe, und kein Stück mehr am Platze ist, begegne ich noch immer dem Gedankengerümpel dieser „anerkannten Feder“ und dieses „gemütvollen Plauderers“. Was für ein schales Zeug in so einem Schreibergehirn nebeneinander liegt. Ein Anblick wie ein Trödelladen.
An diesem Tisch zu sitzen ist mir ganz unmöglich. Da muß er täglich geschrieben haben, und wenn ich mich dorthin setze, fallen mir Dinge ein, die direkt reif sind für den . . . . er-Anzeiger. Unterm Strich.