Na ja — so kam ich selbst auf den Gedanken, eine Apfelsine zu stehlen. Und das gab mir Beschäftigung bis zum Schluß der Woche. Beschäftigung? Es war ein Stück Arbeit, ein Stück ganz verzweifelte Arbeit. Ich bekam in diesen Tagen ordentlich eine gute Meinung von den Dieben. Denn wenn ich nur die Hand ausstrecken wollte, um die Orange von dem Stand der Verkäuferin zu nehmen — am ersten Tage probierte ich es dreimal — dann zitterte ich am ganzen Leibe und fühlte kaum mehr den Boden unter den Füßen.
Ich glaube, ich habe in diesen fünf Tagen im ganzen zwanzig Pfund Orangen gekauft, nur um mir immer am Stand der Alten zu schaffen machen zu können. Ich konnte das Zeug ja gar nicht aufessen. Ich schenkte es im Hotel dem rothaarigen Hausknecht oder dem Oberkellner Luigi.
Am zweiten Tag lächelte mich die Alte schon immer von weitem an. Hole der Teufel ihr Lachen, ich werde meine Apfelsine schon bekommen, dachte ich. Aber ich ging wieder und trug nur das gekaufte Pfund nach Hause.
Dann wurde die Geschichte interessant, das Weib hatte offenbar meine Absicht erraten, sie lächelte jetzt jedesmal recht spöttisch, wenn sie mich kommen sah.
Ich nahm allen meinen Mut zusammen und versuchte eine günstige Gelegenheit abzupassen. Aber wenn sich die Alte einmal wegkehrte, dann war es mir beinahe, als seien mir die Hände mit einem unsichtbaren Strick an den Leib gebunden.
Ich wurde wütend, zu Hause in meinem Zimmer nannte ich mich einen erbärmlichen Feigling und schlug mit der Faust auf den Tisch, daß er umstürzte und die Platte zerbrach. Ich sagte mir, so kann es nicht weitergehn. Ich setzte also den Freitag als Ruhetag an und schwor mir, die Tat am Sonnabend zu vollbringen.
Ich hielt mein Wort. Allerdings das tat ich. Aber wie erbärmlich benahm ich mich doch. Es war in der Mittagsstunde und die Alte hatte eben ihre Bude verlassen, um an einem hundert Meter entfernten Brunnen Wasser zu holen. Weit und breit war keine Menschenseele zu sehen. Und da also — in diesem Augenblick fand ich wirklich den Mut, meine Apfelsine zu stehlen. Pfui! Was war ich für ein feiger Dieb. Und ich lief wahrhaftig noch davon als hätte ich schon den Polizisten im Nacken. Pfui Teufel!
Übrigens hatte die Alte natürlich gar nichts bemerkt. Später sagte ich ihr einmal, daß ich lange die Absicht gehabt hätte, ihr eine Orange zu stehlen. Aber da lachte sie und wollte es nicht glauben; obgleich ich es beschwor, bei Gott.
Den 7. August. Nun da wäre ich denn hier bei Frau Witwe Labrouquet, geschiedenen Blissot und ihrem lahmen Sohn. Ob sich der Herr mit dem gelben Mantel, der schottischen Mütze und den Zwickzwackbeinen noch einmal sehen lassen wird?
Was dies übrigens für eine Wohnung ist. Drei Zimmer und Küche. Drei graue Schachteln mit Löchern, die man Fenster nennt. Über die langweiligen gelben Gardinen habe ich ein Paar alte Priestergewänder aus Tokio gehängt. Sie sind aus Seide und ich mag es gern, wenn Licht durch Seide fällt. Es fühlt sich dann ganz anders an.