Gott, wie deutlich steht doch alles vor mir: da ist das kleine Hotel mit der grünlich grauen Fassade und der schmierigen Tür. Da ist der Stall nebenan und da ist der kleine deutsche Hausknecht mit den feuerroten Haaren und den unwahrscheinlich großen Ohren, die immer — offenbar von Stiefelwichse — ein wenig schwarz waren. Ja, ja — dieser Hausknecht. Er hatte übrigens trotzdem zarte Beziehungen zu der Köchin, die etwas bucklig war, und man sagte mir, sie erwarte ein Kind. Mein Gott —! Und da ist der schmutzige kleine Speisesaal mit den abgeschabten Tapeten und dem Kellner Luigi.
Aber das gehört nicht zur Sache.
Ich langweilte mich scheußlich in diesem verfluchten Nest und aus lauter Langerweile kam ich, wie gesagt, zuletzt auf den Gedanken: mir meinen Mut zu beweisen! Haha, — ich wollte eine Apfelsine stehlen. Das sollte mir wahrhaftig ein Beweis für Mut sein!
Es war just um die Zeit der Ernte. Was für prachtvolle goldene Früchte gab es doch da. Wenn sie wie goldene Kugeln geschichtet in den Körben lagen, und die Sonne darauf schien, konnte man wirklich die Augen nicht weit genug aufreißen, um all dies kostbare Licht in den Körper einzulassen. Ja, man hätte sich am liebsten überall Augen in den Körper geschnitten, um all diese Fruchtbarkeit aufsaugen zu können.
Am Montag hatte man vor meinen Augen einen dieser braunen, nackten Bengel, die da überall umherlungern, dabei erwischt, als er gerade im Begriff stand, sich mit sechs großen roten Orangen aus dem Staube zu machen. Weiß Gott, beinahe wäre es ihm geglückt, diesem verflixten, kleinen Teufel. Was er für Augen hatte! Aber er hatte die Rechnung eben ohne seine Hose gemacht.
Ja, er trug nämlich als einziges Kleidungsstück eine graugrüne Hose auf dem Leib, aus der unten die Beine wie braune Streichhölzer herauskamen. Und in diese Hose hatte er die sechs Orangen vor dem Stand der Verkäuferin ganz unbemerkt hineingestopft. Er hatte sie wahrhaftig alle schon drin. Aber zuletzt bekam die Alte hinter dem Stand doch Wind von der Sache. Sie hatte eine kolossale braune Hakennase im Gesicht und trug eine blaue Bluse. Plötzlich stieß sie einen gellenden Schrei aus, fuchtelte mit den Armen in der Luft rum und kam hinter dem Stand hervorgesprungen.
Das war eine Pracht zu sehen, wie die braunen Beine der Raubkatze über die Straße flogen! Und die Alte schreiend mit geblähtem Rock hinter ihm her!
Mein Gott, ich stand und lachte aus vollem Halse.
Sie hätte ihn nicht bekommen, den Teufel, den kleinen. Aber an der Hose lag es, die brachte ihn an den Galgen. Denn während ihm eine der Orangen im Lauf aus dem Gurt sprang und rot durch den Staub der Straße rollte, sackten sich die andern immer tiefer in das rechte Hosenbein und — bums, da lag er. Da hatte die Alte ihn aber auch schon am Kragen.
Donnerwetter, was das Tier aber auch für Raubfinger hatte; biegsam wie Fischbein und fest wie Stahl.