Später wurden wir übrigens noch gute Freunde und sie war furchtbar verliebt in mich. Und dann sagte sie mir auch einmal, daß ich ganz recht hätte mit der kleinen Göre, die noch eine Nase schneidet, aber damals hätte sie es furchtbar geärgert. Es sei auch arrogant, so etwas zu sagen, aber jetzt, wo sie mich hätte, wäre ihr auch das egal. Ach, sie war ein reizendes Geschöpf, so klug und falsch wie kaum eine.
Ich verlor sie übrigens zuletzt durch eine Dummheit. Ich küßte nämlich eines Tages halb aus Langerweile, halb aus Torheit in ihrer Gegenwart eine Kopie der Venus von Giorgone, die bei mir an der Wand hing. Das sei die größte Beleidigung, die man einer Frau antun könne! Und das sagte sie mit dem erbittertsten Gesicht von der Welt. Als ich ihr aber vom Fenster nachsehe, bemerke ich, daß drüben ein Wagen für sie hält, in dem bereits ein Herr sitzt, der auf sie wartet.
Zwei Tage marterte ich mich mit dem Gedanken, was sie wohl gemacht hätte, wenn ich nicht auf den dummen Einfall gekommen wäre, das Bild zu küssen! Denn da hatte sie nun recht: schlimmer kann man eine Frau ja gar nicht beleidigen.
Ja, aus ganzem Herzen unterschreibe ich, was Herr Tackeray sagt: „Unparteiische, logische und streng gerechte Frauen! Gott bewahre uns davor! Wenn die Frauen diese Eigenschaften hätten, würde die Menschheit vergehen, und die Erde würde zu einer Wüste.“
Penelope ist doch weiß Gott kein Ideal! Odysseus wird es noch oft beklagt haben, nicht bei der rätselhaften Zauberin Circe geblieben zu sein. Aber wahrscheinlich wollte es die Weltanschauung der Griechen so, daß der Mann bei dem treuen Weibe enden muß, daß er nach allen Irrfahrten die Treue in der Heimat und die Heimat in der Treue findet.
Ja, ja die Griechen . . . .
(Anmerkung des Herausgebers: Es dürfte den Leser interessieren zu wissen, daß das folgende Stück im Manuskript mit wesentlich veränderten Schriftzügen geschrieben ist. Der Zusammenhang dieses Absatzes mit dem Voranstehenden ist zwar nicht recht deutlich, aber ich glaubte, ihn trotzdem mitabdrucken zu müssen. Vielleicht findet dieser oder jener doch einen inneren Faden, der von dem übrigen Inhalt zu diesen Sätzen hinüberleitet.)
. . . Und dann eines Tages litt es mich nicht mehr. Ich wollte gehen und es ihr sagen.
Ich war stundenlang durch die Wälder gegangen und hatte an jedem Baum gesagt: Ich liebe dich. Sie war ganz in meinen Gedanken. Es war, als flösse ihr Wesen mit meinem Blut schimmernd in meinen Adern. Auch nicht die geringste Regung eines Gefühls gehörte nicht ihr, war nicht sie.
Ach, ihr Menschen von heute, könnt euch solche Liebe nicht denken, ihr glaubt ja nur an Liebe, die nachläuft, die sich erklärt, die heiratet. Für den Florentiner und seine Liebe zur Simonetta habt ihr doch nur ein Lächeln.