„Ich fand ihn eben hier in der Innentasche des Mantels.“
Der kleine Kunsthändler tritt unwillkürlich um einen Schritt zurück, sieht den als Erzbischof vor ihm Stehenden befremdet an und sagt ganz kleinlaut und erschreckt:
„Aber mein Herr, ich versichere Sie, ich wußte nichts, ich wußte in der Tat nicht das geringste von diesem Dolch. Ich kann es beschwören. Ich sehe ihn zum erstenmal in meinem Leben. Lassen Sie einmal sehen, lassen Sie sehen. Bei der Jungfrau, es ist eine toledanische Arbeit. Eine wundervolle toledanische Arbeit aus dem 14. Jahrhundert. Genau wie Sie es sagten. Aber das ist doch das Seltsamste, was ich erlebt habe. Wie wußten Sie, mein Herr? Ach, Sie haben ihn selbst mitgebracht? Aber nein, wie werden Sie denn Ihren eigenen Dolch kaufen wollen. Und hier ist ja auch die Aufschrift: Tibi Gioconda. Ganz deutlich. Mein Gott, genau wie Sie es sagten!“
„Ich biete Ihnen 150 Frcs. für den Dolch“, sagt der unheimliche Mensch, der noch immer im Ornat vor dem erschreckten Kunsthändler steht. „Wollen Sie ihn dafür geben?“
Sie werden einig und gleich darauf verläßt der Gelbe den Laden. Herr Duval aber steht noch in der Türe, sieht ihm nach und sagt immer wie zu sich selbst und in seinen grauen Bart hinein: Das verstehe ich nicht, nein, das ist seltsam, das verstehe ich nicht . . .
Um 5 Uhr 17 Minuten waren wir wieder zu Hause, gerade eine halbe Stunde waren wir fort gewesen.
Den 19. August. Was soll nun noch unmöglich sein. Er wird die Gioconda und mit ihr alle Rätselhaftigkeit in seinen Besitz bringen, genau zu der Stunde, zu der er es bestimmt hat. Und trotz allen Einwendungen der Vernunft wird es in allen Zeitungen und auf den Straßen ausgerufen werden: die Gioconda gestohlen!
Eine unerklärliche, heiße Angst hat mich befallen. Er aber ist ruhig wie ein Stein. Und mit welch bewunderungswürdigem Instinkt er den Zeitpunkt des Diebstahls ausgesucht hat. Es ist als hätte er den Blick in die Zukunft. Woher weiß er, daß bei der Ablösung der Wachen diesmal ein Irrtum vorkommen, daß der eine Wächter abgerufen wird, und so der Saal sechs Minuten lang ohne Aufsicht bleibt?
Ich frage mich ja vergeblich, woher ich dies alles weiß!
Oft fühle ich mich mit ihm verwandt, so als flösse dasselbe Blut in unseren Adern. Und doch wieder bin ich ihm fremd. Nicht so fremd und auf jene Art wie einem irgendein beliebiger Mensch fremd ist, dem man irgendwo begegnet, der einen um Auskunft bittet oder nach einer Straße frägt, sondern wie einem der Bruder fremd ist. Oder wohl gar wie die Mutter, so unheimlich fremd. Das läßt sich nicht beschreiben. Aber alle diejenigen kennen es, die vielleicht als Kind gesehen haben, wie ein Mann einen begehrenden Blick über die Gestalt der Mutter gehen ließ, und wie die Mutter diesen Blick leise und ohne es zu wissen, zurückgab. Ach, wie kann da ein Knabenherz in seiner Einsamkeit erschrecken und auffahren. Und wie fremd kann da eine Mutter werden. Fremder als Gott, den man noch nie gesehen hat, der aber doch immer so ist, wie man ihn glaubt. Eine begehrte Mutter aber ist so fremd und schaudervoll rätselhaft wie die dunklen Augen eines Hundes, der sich herrenlos auf den Straßen herumtreibt und der einen des Abends plötzlich aus der Dämmerung anstarrt wie das Nichts, so niederschmetternd und überwältigend.