Ich selber bin bei guten Sinnen und weiß, daß die Rätselhaftigkeit, das Grauen, das mich aus diesem schrecklichen Bilde anblickt, Geburt meines Hirns, meiner Augen ist. Ich weiß, daß sie ohne mich tot ist, tot in ihrem Rahmen und Holz und Farbe. Aber er, der armselige Unsinnige! Ist er blind? Er glaubt, sie lebt. Er glaubt, daß er all ihre Rätselhaftigkeit an sich bringen muß zu ewigem Besitz oder vielleicht sogar zu ewiger Zerstörung. Er fühlt ein Leben in diesen verräterischen Augen, diesen furchtbaren Lippen, diesen entsetzlichen, grauenhaften Händen. Und das Leben dieses Bildes peitscht und zerfleischt ihn, bringt ihn außer sich und treibt ihn umher. Es bleibt ihm nur das eine: sich selbst zerfleischen oder — sie besitzen. Besitzen wie ein Weib aus Fleisch und Blut, das man Brust an Brust an sich reißen, pressen und umschlingen kann.
Den 20. August. Gott sei uns gnädig! Diese Nacht noch und alles ist vorüber. Er wird alle Rätselhaftigkeit der Gioconda an sich bringen und alles wird seine toten, sicheren, gleichgültigen Gleise gehen.
O, warum sitze ich hier und lege die Hände in den Schoß und stelle mich nicht vor die Tat und ihn? Warum halte ich dem Mörder den Arm nicht fest, ehe er zustößt? Denn Mord ist dies doch, nicht wahr? Ach viel mehr! Ist es nicht, als reckte jemand die Hand aus, das Heiligtum der Welt zu schänden? Als risse jemand die Sonne vom strahlenden Tag, um einen unförmigen Lehmklumpen dafür aufzuhängen? O Gott . . .
Und doch; lebt nicht in uns allen diese furchtbare Begierde, Tempel zu schänden und Götter zu verhöhnen? . . .
(Zwei Stunden später) O, wie soll ich doch das ertragen! Welchen Anteil habe ich denn an diesem Diebstahl? Welche Gewalt besitzt er über mich? Warum bleibe ich denn? Warum sehe ich dem allen so zu, obgleich ich es verabscheue, ihn verabscheue . . .
Ach, ich will es nur gestehen, so erbärmlich es ist, aber helfe mir Gott, nicht ich bin es, den man dafür verantwortlich machen muß: ich will den Diebstahl. Ja, ich will ihn, auch ich, das ist mir nun klar.
Und doch ist es mir auch wieder furchtbar, dem allen so zusehen zu müssen. Ja, es ist mir trotzdem, als sollte ich der Hinrichtung meiner eignen Kinder zusehen und könnte auch nicht einen Finger heben, dem Henker Einhalt zu tun.
O, dürfte ich doch aufwachen, und alles wäre ein Traum. Es muß ja ein Traum sein: ganz so wehrlos, so machtlos fühlt man sich ja nur im Traum, wenn man eingeschnürt liegt wie in einem Schraubstock, gefoltert von furchtbarer Angst und die Gefahr nun immer näher und näher kommt und einen jeden Augenblick schon erreichen muß. O ja es muß, es kann nur ein Traum sein, aus dem es ein Erwachen gibt, in dem alles nicht war . . .
Fünf Uhr morgens. Wie gräßlich, wie entsetzlich war dies! O, keine Nacht mehr wie diese. Lieber den Tod. Nun steht das Bild hier dicht hinter der Wand und ich bin von allem Zeuge gewesen und weiß, wie alles sich zugetragen hat. Und mir ist, als wäre ich selbst der Dieb; die Furcht vor Entdeckung hat mich gefaßt und ich zittre wie ein Mörder, der angstvoll die Spuren seiner Tat zu verwischen sucht, der ermüdet und erschöpft in Halbschlaf fällt und sich plötzlich blutbesudelt und blutbefleckt im Traum erblickt.