Ach, nichts ist mir erspart geblieben. Ich wachte hier in meinem Zimmer die ganze Nacht. Ich sah, wie er die Mütze nahm und ging, ich sah ihn in den Straßen, vor den hellen Scheiben der Restaurants und den dunklen Nischen der Hauseingänge. Er war wie ein Schlafwandler, still und ruhig. Und wie er eindrang! Er fand wie ein Blinder den Weg und tappte im Dunkeln. Jeden seiner Schritte hörte ich, wie die Schläge meines pochenden Herzens. Ich wollte schreien, aber die Zunge klebte mir dorrend am Gaumen.
Es legte sich wie eine knöcherne Hand um meine Kehle. Ich konnte keinen Laut hervorbringen. Aber mein Gehör wurde scharf wie das eines Wächters. O, wie furchtbar scharf wurde es doch! Ich hörte den bröckelnden Gips auf den Boden fallen und die dumpfen Schläge mit dem Hammer, ich hörte sogar das Knirschen des Meißels an den eisernen Klammern und ich sah die raschen gewandten Griffe, die das Bild von der Wand rissen; hastige, knochige Hände, unter denen die Mauer aufbrach. O, ich bebte und zitterte; ich fieberte wohl vor Furcht. Ich legte das Gesicht auf den Tisch und weinte wie ein Kind.
Auf einmal wurde mir ganz leicht und frei zu Mute. Ich erinnerte mich an vieles, was mich einmal entzückt hatte. Ach, an tausend Dinge, an Blumen und Vögel, an ein Paar kleine Mädchenhände und an ein Liebeslied nachts über einem Fluß. Aber das dauerte nicht lange. Denn plötzlich klang ein dumpfer Laut an mein Ohr und ich erschrak zu Tode. Es war sein tappender Schritt auf der dunkeln Treppe! Ich hielt den Atem an und lauschte, wie die Schritte immer näher und näher kamen. Und dann konnte ich auch bald einen anderen eigentümlichen Ton hören, es war das Scharren des gestohlenen Bildes, das bei jedem Absatz an den stumpfen Stufen der Treppe aufschlug.
Den 23. August. Wann werde ich endlich lernen, mich nur um meine eigenen Sachen zu kümmern und mich nicht in die Angelegenheiten anderer einzumischen!
Da habe ich mich nun über Dinge aufgeregt, die mich weiß Gott nichts angehen. Bin ich denn der Präsident der Schönen Künste oder wer sonst seinen Posten verlieren wird, weil da ein leerer Platz an der Wand ist? Weil da ein Stück Holz so hoch, so breit und so lang und mit Ölfarbe bestrichen, weggekommen ist? Denn mehr ist es doch nicht, auch wenn es von Leonardi da Vinci angestrichen wurde.
Aber stellte ich mich nicht an, als würde ein lebendes Wesen ermordet, als habe es weiß Gott welche Bewandtnis mit dem Bilde! Kann ich denn nicht bei dem bleiben, was die Dinge sind, Holz und Farbe und ein bißchen Firnis, und muß ich immer etwas dahinter suchen?
Und welche Dummheit von mir, mich obendrein Hals über Kopf in diese Reise auf diesem alles eher als komfortablen Dampfer zu stürzen! Was geht es mich an, wo er mit seinem grauen Paket unter dem Arm hin will. Mag er doch mit seiner Angebeteten anfangen, was er will; mag er sie ins Meer werfen. Habe ich mich darum zu kümmern?
Das alles hätte ich mir vor fünf Tagen sagen sollen, als es noch Zeit war. Als ich die Geschichte kommen sah, hätte ich abreisen sollen. Aber jetzt ist es zu spät. Jetzt bleibt mir nichts als die Schiffsgefangenschaft in Gesellschaft mit unseren liebenswürdigen Damen und unseren unliebenswürdigen Herren Passagieren abzusitzen.
Jetzt ist es sogar noch ein Glück, daß er mit an Bord ist. Denn sobald dieser verwegene Mensch unter uns erscheint, gibt es Unterhaltung, Geschichten, Anekdoten die Hülle und Fülle. Der Zufall hat gewollt, daß wir die Kajüte teilen, und wir schlafen übereinander, er unten, ich oben.