Wir verstehen uns übrigens ausgezeichnet, trotzdem ich eigentlich ihm gegenüber immer ein wenig befangen bin wegen des Bildes. Aber er gibt sich, als wäre nichts in der Welt geschehen, was ihn beträfe und als gäbe es das graue Paket, das er ganz ruhig an die Wand gestellt hat, gar nicht.
Zuweilen sehe ich ihn vor dem Paket stehen, und dann hat sein Gesicht geradezu etwas besonders Ruhiges, Zielbewußtes. So, als dächte er bei sich: ich weiß ganz genau, was ich mit dir mache, sobald wir ganz draußen auf dem Meere sind, nehme ich dich und werfe dich über Bord.
Sonst ist er ein über und über humorvoller Bursche; zuweilen ist seine Lustigkeit vielleicht ein wenig gezwungen, aber dann kann er so befreiend lachen, daß selbst der Geheimagent sich angesteckt fühlt und einmal seine Wichtigkeitsmiene verzieht.
Nein, ich habe doch nie einen Menschen mit einer so ausgelassenen und bizarren Phantasie gesehen.
Weil ich über ihm schlafe, nennt er mich nur den „Ober“. Und von sich selbst spricht er nicht anders als von dem „Unter“.
„Herr Ober,“ sagt er, „bringen Sie mir etwas Erfrischung, es ist eine gottsjämmerliche Hitze. Sind wir schon am Äquator oder macht mir der höllische Seelenwurm zu schaffen? Sorgen Sie für Zerstreuung, hören Sie, oder lassen Sie uns zu den Oberflächlern gehen. Ja, kommen Sie, lassen Sie uns auf Deck gehen, die Damen ein wenig zu unterhalten und die Herren zu ärgern. Besonders diese kleine deutsche Spitzmaus, die sich so verdient um die Erforschung der Diphthonglaute im Altpersischen gemacht hat.“
Und es kommt wohl vor, daß er sofort seinen Entschluß ausführt, hinaufgeht und mit dem Erforscher der Diphthonglaute im Altpersischen eine Unterhaltung beginnt.
Na, die Sache nimmt etwa folgenden Verlauf:
Der Erforscher der Diphthonglaute steht eben an der Reling, blickt auf die See hinaus und hat die Hände über den Rücken gelegt. Von Zeit zu Zeit macht er mit dem Kopf eine kleine ruckartige Bewegung nach hinten, bei der man sonderbarerweise jedesmal auf seine spitze Nase aufmerksam wird. Und das Ganze sieht so aus, als bekäme er plötzlich Achtung vor sich selbst, fühlte viele Augen auf sich gerichtet und würfe sich nun ein wenig in Positur, um der Welt einen würdigen Gelehrten zu zeigen. Es sieht sehr komisch aus, ein bißchen muß man sich aber auch darüber ärgern.
Wir treten von hinten an ihn heran und sprechen ihn an. „Guten Tag, Herr Doktor.“ Der Erforscher der Diphthonglaute dreht sich um, legt den Kopf mit der spitzen Nase ein wenig auf die Seite und streckt uns die Hand mit einem Ausdruck hin, als wolle er sagen: Ich kondoliere Ihnen, meine Herren; seien Sie meiner Teilnahme sicher. Sie haben das Unglück, mit einem verkannten, edlen Menschen zu sprechen, der es nicht verdient, daß man ihn in der Abgeschiedenheit seiner Größe, die nur ihm selbst bewußt ist, verkommen läßt.