„Nein, den hörte ich nun nicht . . . Aber Sie können sich denken, was das heißen will: das schärfste in seiner ganzen Praxis! Der Mann übte fünfundzwanzig Jahre seine Praxis aus. Also da können Sie schon sehen. Ja, mein Gehör ist ganz vorzüglich, ganz vorzüglich.“

Das sei ja sehr interessant. Übrigens habe er schon mal von einem ähnlichen Fall gehört, sagt der Gelbe. „Und dann“ — fährt er unvermittelt fort — „kannte ich in Königsberg einmal einen Herrn, aber das wird Sie gewiß interessieren — da war ein Herr, der konnte im Theater, gleichviel welchen Platz er hatte, ganz deutlich verstehen, was irgendwo im Parkett oder in den Logen gesprochen wurde. Ein ganz unheimlicher Mensch! Wissen Sie, er hörte ganz deutlich, was sich die Leute zuflüsterten, und wenn es auf der letzten Galeriereihe war. Na, Sie können sich denken, was der für Sachen erzählen konnte . . . .“

„Ach nein . . .“

Doch, da sei z. B. mal ein Stück gegeben worden, in dem ein brutaler Genußmensch geschildert wurde. Ein ausgezeichnetes Stück übrigens und eine famose Charakteristik. Im zweiten Akt sei eine Szene gekommen, in der sich ein junges leidenschaftliches Mädchen dem Genußmenschen an den Hals geworfen habe. Plötzlich habe der Herr gehört, wie die Frau des Polizeipräsidenten zu ihrem Mann in der Loge gesagt habe, so ein gräßlicher, unsympathischer Mensch sei ihr wahrhaftig noch nicht vorgekommen; das sei ja geradezu abscheulich. „Am anderen Tage — denken Sie nur — am andern Tage wurde das Stück verboten. Wegen unsittlicher Tendenz. So was, nicht wahr?“ Na, und was sich so die Liebesleute im Theater erzählten . . .

Das müsse doch sehr interessant sein, meinte Herr Dr. Berger.

„Na, ich sage Ihnen. Da konnte der Herr nun Sachen erzählen. Besonders, wissen Sie, aus der guten Gesellschaft. Was die sich alles zu sagen hatten; das kann man beinah gar nicht wiedererzählen. Ich möchte Ihr Ohr wahrhaftig nicht verletzen . . .“

„Aber bitte, bitte, das ist ja sicher sehr interessant“

„Interessant ist es schon. Ja, denken Sie nur, da war zum Beispiel einmal ein Paar, eine junge, elegante Witwe und ein Offizier von der Garde. Eine chike Sache sozusagen. Viele dachten sich ja wohl, daß die beiden ein bißchen toll wären. Aber denken Sie nur. Da wurde Hamlet gegeben; plötzlich sagt doch die junge Witwe mitten in der Totengräberszene dem Offizier ins Ohr, sie wolle einmal auf einem Friedhof . . . im Mondschein . . . Ach, das kann ich Ihnen ja gar nicht erzählen. Wie? Adieu, Herr Doktor, Adieu.“

Der Erforscher der Diphthonglaute macht noch ein paar hastige Schritte, hinter uns her, geniert sich aber und bleibt ganz verwirrt stehen.

Huh, wie heiß es ihm doch geworden ist.