Da bleibt sie ganz erstaunt stehen und ruft: „Nanu — Sie kennen mich wohl gar nicht, wie . . .?“

Und was sagt er? Indem er höflich die Mütze abzieht und sich verbeugt und ihr die Hand küßt, sagt er: „Verzeihen Sie mir gnädige Frau — ich dachte gerade an Sie.“

Da geht es wie ein Leuchten über ihre Züge und sie sieht ihn mit einem jener Blicke an, die uns Männer verrückt machen können. Ach, wie heiß es doch sei; und sie wirft mit einem Ruck das Kape von den Schultern und nimmt den Arm, den er ihr anbietet.

In Wahrheit ist es aber gar nicht heiß, sondern es ist kühl und regnet, und sie hat ein leichtes Spitzenkleid an, das der Regen verdirbt.

Den 24. August. Es ist nicht zu begreifen, wie dieser Mensch so ruhig sein kann. Weiß Gott, ich zittere mehr wie er. Ich komme an unsrer Kabine vorbei, sehe die Tür offen und das Bild in dem grauen Packpapier ruhig an die Wand gelehnt. Der Geheimagent braucht nur hineinzugehen und einen Streifen abzureißen, dann kann er ihn auf der Stelle verhaften lassen. Aber dabei sitzt er oben auf Deck bei den Damen, plaudert als ob nicht das geringste geschehen wäre, als ob es weder Geheimagenten noch was an Bord gebe. Nun, es braucht nicht jeder ein Feigling zu sein wie ich, der ich beinah aufgeschrien hätte, als ich endlich die Apfelsine in der Hand hielt. Aber seine Gelassenheit regt mich doch auf. Bis hierher kann man die Damen zuweilen über seine verdammten Späße lachen hören. Es ist ja, als könne er überhaupt kein ernstes Wort mehr sagen und sei jeder weicheren Empfindung bar. Manchmal glaube ich, dieser Mensch spielt überhaupt mit uns allen, er hält uns alle halbwegs für komische Figuren. Und sich selbst wohl gar auch.

Dabei haben die Damen ihn doch alle miteinander gern. Ernsthaft verlieben würde sich wohl so leicht keine in ihn. Ihr Instinkt sagt ihnen, daß hier nichts zu holen ist. Höchstens könnte Frau Rosenborg ihre wundervolle Neugierde ein wenig gefährlich werden. Einige fürchten ihn ein bißchen, denn es zeigt sich, daß er hinter ihren geheimsten Gedanken her ist. Sogar Frau Rosenborg, die sicherlich die Überlegenste in dem ganzen Kreise ist, hat, wenn sie darüber nachdenkt, oft ein Gefühl, als hätte er immer auf das geantwortet, was sie gedacht hat, aber nicht auf das, was sie gesagt hat. Arrogant, ein wenig arrogant finden ihn alle. Besonders Frau Sturi. Na, wie er die aber auch hat abblitzen lassen. Das war schon vor zwei Tagen:

Er steht wie immer in dem gelben Paletot und der schottischen Mütze auf Deck, hat die Arme auf dem Rücken gekreuzt und blickt ganz starr weit auf das Meer hinaus. Auf einmal kommt Frau Sturi die Treppe herauf, sieht ihn stehen und geht auf ihn zu.

„Sie warten wohl auf jemand,“ sagt sie, denn es ist 12 Uhr und alle sitzen schon beim Lunch.

Ja, er warte auf jemand. Aber dabei bleibt er, ohne sich umzublicken, die Hände auf dem Rücken, stehen und fährt fort auf das Meer hinauszusehen.

Auf wen er denn warte, alle seien doch schon unten?