Aber welch’ ein Leben herrscht doch auf unserem Schiff, seitdem dieses öffentliche Geheimnis die Segel der Neugierde schwellt.
Nur die älteren Damen mit ihren Handarbeitstäschchen und ihren Fußbänkchen, sie unterhalten sich nach wie vor von ihren Siebensachen, von ihren erwachsenen Söhnen und ihren verheirateten Töchtern, und entdecken bei dieser Gelegenheit wohl gar, daß sie miteinander verwandt sind. Oder zu mindesten haben sie gemeinsame Bekannte, die ihnen womöglich bei einer solchen Entdeckung in einem ganz neuen Licht erscheinen.
Aber die Augen auf, meine Damen, die Augen auf! So alt sind Sie denn doch noch nicht, daß es Ihnen nicht später ein ernstlicher Verdruß sein wird, wenn Sie dabei gesessen, dabei gesessen und nichts gemerkt haben!
Sie, gnädige Frau, zum Beispiel, die Sie in Ermangelung eines Besseren eben davon leben, Ihren armen gedemütigten Ehemann es jeden Augenblick empfinden zu lassen, wie sehr Sie ihn wegen des kleinen Seitensprunges mit der ehemaligen Gouvernante ihrer Kinder verachten. Wenn Sie nicht so viel Mühe hätten, ein empfindliches und verachtendes Gesicht zur Schau zu tragen, hätten Sie es doch, weiß Gott, schon merken müssen. Sie sind doch nach der Passagierliste erst 36 Jahre!
Und dann Fräulein Sivers . . . Warum sagen Sie immer, das Leben sei lange nicht so interessant, wie das Theater? Nun, wetten wir, daß später einmal diese Reise das Glanzstück in Ihren glaubwürdigen Memoiren bilden wird? Vergessen Sie ja nicht zu bemerken, daß Sie „gleichsam“ — ja gleichsam ist das passende Wort — die erste waren, die alles gemerkt hatte, die sich aber wohlweislich nichts merken ließ und ihre Rolle bis zu Ende glücklich durchführte. Vergessen Sie das nicht!
Also die Augen auf, meine Damen! Noch ist es Zeit, den anderen Schiffsgästen Vorwürfe zu ersparen. Wenn Sie nicht mehr so viel Phantasie aufbringen können, wie Fräulein Sivers, die es „gleichsam zuerst bemerkte“, dann wird Ihnen das nach Jahren noch zu schaffen machen! Glauben Sie mir, ich kenne das. Es wurmt einen noch sehr lange, wenn man nichts gemerkt hat — ja, ja!
Ich treffe Frau Rosenborg, die mit Fräulein Holm flüstert.
„Diese prachtvolle Farbe, dieses tiefe Blaugrün“ sind die Worte, die für meine Ohren bestimmt sind.
„Sie schwärmen ja ordentlich, Fräulein Holm. Aber Sie haben recht, köstlich, ganz köstlich! . . .“
Einen Augenblick schweige ich und sehe die Damen, die echt verzückt aufs Meer hinaussehen, an. Während ich dann selbst hinausblicke und mich nicht im geringsten daran kehre, wie die Damen verdutzt dreinschauen, sage ich: „ja, diese grünbläuliche Farbe erinnert mich ein wenig an eine gewisse Partie auf dem Bilde von Lionardo — der Gioconda, das Bild wurde doch kürzlich gestohlen.“