Und jetzt geschah etwas, was ich nie für möglich gehalten hätte und was mir bis zu meinem Tode rätselhaft bleiben wird. Man hätte doch glauben sollen, daß ich diesem Ansinnen, den Dolch bei Herrn Duval gekauft zu haben, aufs lebhafteste widersprochen hätte. Aber jetzt war es mir plötzlich, als ob sich in meinem Inneren etwas umwandte — ganz deutlich hatte ich dies Gefühl, als kehre sich etwas Dunkles plötzlich in mir ins Licht — und laut und vernehmlich hörte ich wie meine Stimme sagte: „Ja, der bin ich.“ Und in demselben Moment als ich dieses zugab, da wußte ich auch, daß es sich bei dieser so unscheinbar klingenden Frage eigentlich gar nicht um den Dolch, sondern um das Bild, um das Bild der Gioconda handelte, daß die Frage: Haben sie den Dolch bei Herrn Duval gekauft? nicht mehr und nicht weniger bedeutete als: Haben Sie die Gioconda aus dem Louvre geraubt?

Und irgendeine fremde, unsichtbare Macht zwang mich, ohne daß ich selbst begriff wie, es zuzugeben, ja dazu zu sagen, als sei es das Selbstverständlichste von der Welt.

Ich hatte doch mit meinen eigenen Augen gesehen, wie er selbst in den Laden getreten war und die Hand auf den Drücker gelegt hatte. Ich hatte doch gesehen, wie er als Erzbischof verkleidet vor Herrn Duval gestanden hatte und plötzlich den Mantel, der mit brennend roter Seide gefüttert war, zurückschlug und den Dolch in der Hand hielt. Ich hätte es also mit dem besten Gewissen beschwören können, daß er selbst es war, der den Dolch gekauft hatte.

In seinen Augen aber, diesen, wie mir jetzt immer mehr schien, irisierend grünen Augen einer schwarzen Katze, sah ich ganz deutlich im selben Augenblick den Triumpf höhnischer Befriedigung darüber aufleuchten, die ganze Last und die Verantwortung für diesen frechen unerhörten Diebstahl auf mich abgewälzt zu haben.

All das war nur die Empfindung eines Augenblicks, und ein Vorübergehender hätte nichts gesehen als eine Gestalt in einem auffallend gelben Mantel und einer großen Reisemütze, und einen andern Herrn, der sich fachkundig über ein altes Schwert beugte. Nichts war sonst zu sehen. Aber was spielte sich unterdessen und während der nächsten Augenblicke in meinem Innern ab! Alles an mir kam mir plötzlich fremd vor. Ich betrachtete mit Entsetzen meine eigenen Hände, wie sie mit nie gesehenen Bewegungen über das Metall hin und her fuhren und es befühlten. Waren dies noch meine Hände, sind dies meine Hände, diese langen dünnen gelblichen Finger, die wie mit einer feinen Eidechsenhaut überzogen sind? Während ich gebeugt über das Schwert stand, ließ ich meinen Blick über meinen Körper, meine Beine, meine Füße laufen. Das Blut pochte mir in den Schläfen — auch mein Körper kam mir plötzlich fremd und unbekannt vor, nicht wie ein Teil meiner selbst, sondern wie ein Tisch, ein Stuhl, wie eine Sache, die man angreifen kann und die hart und gefühllos ist. Wie aber erschrak ich erst, als ich plötzlich meine Zunge in meinem Gaumen sich wie den Klöppel einer Glocke bewegen fühlte, als sich meine Lippen feuchtkalt aufeinanderlegten und als eine fremde Stimme, eine nie gehörte, grauenhafte Stimme aus meinem Munde erscholl und Dinge sagte, von denen meine Seele nicht das geringste wußte oder auch nur ahnte.

Entsetzt hörte ich diesen Erklärungen zu, während ich die Worte wie würfelartige Holzklötze auf meiner Zunge fühlte: „Es dürfte eine augsburgische Arbeit sein. Im germanischen Museum in der fränkischen Waffensammlung befindet sich wohl ein Geschwisterstück zu dem Ihrigen, einfacher, nicht so reich ziseliert an der Schneide, aber von derselben Art. Hier hat das Metall übrigens einen Sprung.“ Ich sah wie mein eigener Finger auf eine Stelle des Griffs deutete, wo in der Tat ein ganz feiner, haardünner Sprung im Metall zu sehen war.

Und während ich jetzt meinem deutenden Finger über dem Metall folgte, während ich noch diese mir Grauen erregende Stimme aus mir hervordringen hörte, hatte ich plötzlich jenes seltsame Gefühl, das vielleicht jeder Mensch in seinem Leben empfunden hat — ich hatte eine Art traumhaften, aber doch klaren Gefühls, als hätte ich eben dieselbe Szene, genau wie sie sich jetzt abspielte, schon vor vielen Jahren einmal erlebt.

— — — — —

Ich erwachte wie von einer Betäubung. Noch immer stand ich an der Treppe. Ich hielt das Schwert in den Händen. Alle meine Sinne waren gespannt und lauschten auf die Schritte und Stimmen, die über mir hörbar waren. Mir war als hätte sich die Schärfe meines Gehörs verdoppelt, deutlich unterschied ich jeden einzelnen Laut, jede einzelne Stimme, deutlich verstand ich was sie sagten und worüber sie lachten. Frau Rosenborgs Gelächter erhob sich wie eine Rakete flackernd über das Gewirr dunkler und hellerer Stimmen. Im Tonfall einer sonoren Stimme, die in Begleitung einer scharfen, eckigen erklang und mit ihr wechselte, vernahm ich mehrmals das Wort Gioconda. Bei dem Wort Louvre erreichte die sonore Stimme jedesmal ihren tiefsten Ton.

Plötzlich aber hatte ich ein Gefühl ganz ähnlich dem, wenn man aus einem sonderbar fesselnden Traum erwacht. Wie man wohl von dem Wunsch beseelt ist, die Erscheinung eines Traumes noch zurückzuhalten, zurückzurufen, wenn man zu einer quälenden sorgenvollen Wirklichkeit, der man entfliehen möchte, erwacht ist, — so hatte auch ich den Wunsch, etwas Entfliehendes zurückzuhalten und unwillkürlich machte ich mit der Hand eine greifende Bewegung vorwärts, wie um etwas festzuhalten. Im selben Augenblick aber fühlte ich wieder, daß dieses nicht meine Hand war und wie mit einem elektrischen Schlage durchzuckte mich ein unnennbares Gefühl des Grauens und Entsetzens. Ich stürzte in meine Kabine. Ich lief; und doch war es mir nicht als liefe ich, sondern als liefe ein anderer an meiner Stelle, mit einem mir fremden, unregelmäßigen Gang. Dann befühlte ich mich, befühlte mit meinen eidechsenhäutigen Händen meinen Körper, meinen Kopf, meine Haare. Und ich fühlte nicht mich, — ich fühlte einen andern. Nur die, die wissen, was sich hinter Worten verbergen kann, können mich vielleicht verstehen, wenn ich sage: ich fühlte meinen Bruder. Ich fühlte ein kurzes, trockenes, struppiges Haar, ein flaches, knöchernes Ohr, schmale, dünne, runzlige Lippen. Und die Bewegungen von diesem mir fremden Körper, von dem mir meine Augen zwar sagten, daß es der meinige sei, empfand ich nur so wie man die Bewegung eines unter einer Decke verborgenen Tieres bei aufgelegter Hand wahrnimmt.