O mein Gott, mein Gott, was ist mir geschehen! Was ist das? Alle meine Gebärden gehören nicht mir, ich habe eine fremde Stimme, ich lache ein fremdes Lachen, ich gehe einen fremden Gang, welche Bewegungen mache ich? . . . ich bin hilflos wie ein Kind . . . ein Körper umgibt mich, ein fremder Körper, fremde Hände, fremde Arme, fremde Augen . . . o mein Gott, mein Gott, ich lebe noch, aber ich bin nicht mehr!

— — — — —

Kann sich jemand eine Vorstellung machen von dem, was ich empfinde! Wer ist je in einer so furchtbaren Lage gewesen! Früher habe ich zuweilen etwas ganz entfernt Ähnliches empfunden, wenn ich plötzlich für den Bruchteil einer Sekunde, vielleicht in meiner Bewegung, im Tonfall meiner Stimme, in meinen Augen eine Ähnlichkeit, eine Gleichheit mit einer mir bekannten Person bemerkte. Und das Unbehagen, das sich bei diesem flüchtigen Bemerken einstellte, war stets um so größer, je näher ich mit jenem Menschen verwandt war, dessen Miene oder Haltung ich plötzlich an mir wahrzunehmen glaubte. So erinnere ich mich deutlich, wie grauenhaft mir eines Tages meine Schwester erschien, als ich plötzlich ihre Blicke in meinen Augen fühlte, und ein ausgesprochenes Ekelgefühl hatte ich auch als ich — deutlich steht mir noch der Ort vor Augen — beim Heraustreten aus einem Hamburger Hotel die Ganghaltung und Bewegung meines vor Jahren verstorbenen Bruders an mit wahrnahm. Nur Menschen, die je etwas Ähnliches empfunden — aber mir kommt vor, alle müßten es gefühlt haben — werden sich in meine Lage versetzen, werden mir dieses entsetzliche bittere Unlustgefühl, diesen physischen und zugleich körperlichen Ekel vor mir selbst von ferne nachfühlen können.


Ich fühlte oftmals, wie ich daran war, das Bewußtsein zu verlieren. Es kamen Augenblicke der Erleichterung, sogar des Vergessens. Aber immer wieder und jedesmal furchtbarer kehrte mir das Bewußtsein meines entsetzlichen Zustandes zurück.

Ich hätte schreien wollen, aber die Angst vor der entsetzlich grauenvollen Stimme, die ich aus meinem Munde hatte kommen hören, drückte mir die Kehle zu. Ich preßte die Hände vor meinen Mund und stieß klagende, winselnde Töne aus. Ich lag auf dem Boden, denn ich hatte ein Gefühl, als müßte ich mich tief im Innersten der Erde verstecken und begraben. Der physische Abscheu vor diesem fremden, schwitzenden, behaarten Körper, der mich umgab wie eine klebrige, widerliche Masse, nahm eher zu, als daß er nachließ. Und zu diesem unbeschreiblichen Gefühl des Abscheus gesellte sich nach einiger Zeit noch ein psychischer Schmerz, der mich fast durchbohrte und an die Grenze des Wahnsinns trieb. Ganz plötzlich empfand ich es nämlich mit aller Deutlichkeit, oder es war mir wenigstens so, — als hätte ich es selbst in der Hand gehabt, diesem furchtbaren Schicksal zu entgehen. Hätte ich die Kraft gehabt, jene einfältige Frage nach der Herkunft jenes Schwertes, das ich doch weiß Gott nie gesehen hatte, zurückzuweisen — nichts hätte mir geschehen können. Ich habe mich selbst ins Unglück gestürzt. Jetzt machte mein Inneres jene furchtbar schmerzvollen Anstrengungen, etwas Geschehenes wieder ungeschehen zu machen. Ich bog mich weit zurück, nach hinten, gerade als hätte ich dadurch ein Stück Zeit, das schon vergangen war, noch einmal einbringen, noch einmal durchleben können. Das so furchtbar niederschmetternde Gefühl des Unwiederbringlichen warf mich gänzlich darnieder. Aber immer wieder, mit immer erneuter Hoffnungsangst, stellte ich mir wohl hundertmal jene Szene vor: wie er jetzt die Treppe herabkam, jetzt sprach er mich an, hielt mir das Schwert entgegen, jetzt frug er und jetzt — — so sehr ich mich auch innerlich sträubte und wehrte, tierische wilde Verzweiflungslaute entrangen sich meiner Kehle, — ich konnte und konnte nicht Herr dieser fremden Gewalt werden, die mich nur durch den Tonfall ihrer Stimme mir selbst entriß und mir mit einem fremden Willen einen fremden Körper aufdrang. Trotz meiner Angst, meiner Verzweiflung, die mir die ganze Erinnerung an die furchtbare Szene wieder erregte, trotz alledem fühlte ich doch, daß ich im gleichen Falle genau wieder so handeln würde, und daß, was geschehen war, hatte geschehen müssen.

Von dieser Einsicht ging zunächst eine — o, welch ein Hohn steckt in diesem Worte — Erleichterung für mich aus. Aber als sich dann meine Gedanken wieder zu ordnen begannen, als jene Anfälle des Sichwiedererinnerns aufhörten, da empfand ich mit ungeahnter Heftigkeit die ganze Hohlheit, die ganze entsetzliche Leere meines Daseins und dieses Gefühl gepaart mit dem noch viel entsetzlicheren Abscheu und Ekel vor mir selbst gab mir den Wunsch ein, mich von der schmutzigen Hülle dieses Körpers und dem Grauen dieses Daseins zu befreien. Ein Gefühl des Hasses, ganz wie das gegen einen fremden Menschen, ergriff mich.

Ich fühlte eine tiefe Befriedigung bei dem Gedanken, daß ich diesen Körper gewaltsam vernichten und mich auf diese Weise auf ewig von ihm befreien konnte. Ich riegelte die Türe und riß förmlich in Wut den Revolver mit den Patronen aus der Handtasche. Es hätte mir Freude gemacht, diesen Körper Stück für Stück zu vernichten. Mit dem ersten Schuß durchschoß ich meine Hand; ich lachte laut auf vor innerster Befriedigung, als ich das rote Blut aus dem winzig kleinen Loch des Handtellers hervorfließen sah. Dann legte ich die kühle, kreisrunde Öffnung des Revolvers an meine heiße Schläfe und drückte ab. Ich verspürte einen leichten Stoß, aber da ich noch Kraft in meinem Arm fühlte, schoß ich noch ein zweites Mal, wieder die Revolvermündung dicht an der Schläfe. Ich erwartete, daß ich taumeln, daß ich umstürzen werde — aber nichts dergleichen geschah. Ich befühlte mit der Hand meine Schläfe — sie war blutüberströmt und das rote Blut rann über die Backe, über den Anzug an mir herunter. Aber ich hatte mich nicht getötet . . . Und nach einigen qualvollen Augenblicken hatte ich die Gewißheit: Ich vermochte nicht, mich zu töten . . . .

— — — — —

Ich erwachte und lag auf meinem Bett. An der Dämmerung, die in der Kabine herrschte, sah ich, daß es Abend war. Ich suchte mich zu erinnern und richtete mich auf. Hatte ich geträumt? Die schwache Regung der Hoffnung, die in mir aufstieg, wurde sofort durch die deutlich erkannte Gewißheit, daß es kein Traum, daß es Wirklichkeit war, zerstört. Fühlte ich denn nicht wieder diesen klebrigen, schleimigen Körper um mich, fühlte ich nicht meine wahren Bewegungen, meine Augen, meine Mienen, wie hinter einer dumpfen heißen Maske, die mir den Atem benahm?