Plötzlich bemerkte ich, daß ich nicht allein in der Kabine war.
In der Dunkelheit neben dem helleren Fenster, durch das der Abend hereinsah, erblickte ich den Kopf und die Schultern einer seltsam fremden Gestalt. Sie wandte mir jetzt ihr Profil zu und schien unverwandt auf einen Punkt zu starren. Nur verschwommen und undeutlich konnte ich die Züge und den Ausdruck des Gesichts wahrnehmen.
„Ist jemand da?“ fragte ich halblaut und langsam.
Keine Antwort. Die Gestalt beharrte unbeweglich in ihrer Stellung; nur war es mir einen Augenblick, als sähe ich sie deutlich die Lippen bewegen, öffnen und wieder schließen. Aber kein Laut war hörbar.
Wenn ich jetzt an jenen Augenblick zurückdenke, frage ich mich, warum mich gleich bei der Entdeckung dieses Fremden ein neuer Schrecken befiel, ein Schreck, der nichts gemein hatte etwa mit der Furcht vor einem Eindringling. Nein, sobald ich das schattenhafte Wesen neben dem Fenster erblickte, wußte ich auch in meinem innersten Innern, mit einer Sicherheit, die nicht den geringsten Zweifel zuließ, daß dieser Mensch, er sei, wer er sei, in irgend einem Zusammenhange mit meiner schrecklichen Lage stand. Die Furcht vor einer neuen grauenhaften Entdeckung ließ mich erbeben, durchrüttelte mich kalt wie ein Fiebersturm. Meine Phantasie war so bis zum Äußersten gereizt, daß sie nichts mehr für unmöglich hielt. Ich hätte mich nicht gewundert, wenn ich den Mond, der schon einen schwachen gelblichen Streifen auf den Boden meiner Kabine legte, krachend vom Firmament hätte herabstürzen und sich in den grau verdampfenden Fluten des Weltmeeres wie in einem ungeheuren dunklen Wolfsrachen hätte begraben sehen. Nichts, nichts hätte mich jetzt gewundert! Ich hätte den Riegel von meiner Tür springen, ich hätte sie von unsichtbaren Händen sich öffnen und schließen sehen können und das wäre mir nicht unnatürlich, nicht rätselhaft erschienen, denn ich selbst hatte Rätselhafteres erlebt, wußte ja auch, daß ich noch viel Unerhörteres in den nächsten Augenblicken erleben würde . . .
Als ich die fremde Gestalt im Dunkel zum zweiten Male anrief, geschah es mit kaum hörbarer, flüsternder Stimme, nicht lauter wie das Knistern von Seide. Und wieder war es mir, als sähe ich die Lippen sich stumm bewegen; aber nichts war zu hören.
Ich wagte meine Frage nicht zum dritten Mal zu wiederholen. Starr, bald von Glut geschüttelt, bald von kaltem Schauer überkrochen, blieb ich bewegungslos und halb aufgerichtet auf meinem Arm gestützt und starrte die Erscheinung an.
Plötzlich fühlte ich eine Helligkeit über mein Gesicht gleiten. Es war der Mond, der bei einer Wendung des Schiffes jetzt in den Ausschnitt des Fensters trat. Im selben Augenblick erkannte ich aber auch deutlich das Antlitz der fremden Gestalt, die neben dem Fenster stand. Der Mond beleuchtete auch sie. Ich sprang von dem Bett auf und drehte hastig das elektrische Licht an. Der Raum war taghell erleuchtet — niemand war zu sehen.
Mit heimlichem Grauen sah ich nach der Stelle, wo ich noch vor Sekunden die Gestalt erblickt hatte. Auf der graugelben Tapete kroch eine Fliege. Es war totenstill und nichts rührte sich. Ich hörte nur wie mein Atem ging und wie meine Brust sich hob und senkte, sich hob und senkte. Ich stand da und starrte nach dem goldgerahmten Spiegel in der Ecke, an dem wie immer meine Mütze hing.
Aber einen Augenblick später durchzuckte mich ein furchtbarer Gedanke! Mit einem Sprung stand ich vor dem Spiegel — die gräßlichste Ahnung der letzten Sekunde sah ich erfüllt. In der Scheibe des Spiegels gewahrte ich eben dieselbe Gestalt, dasselbe Antlitz, dieselben seltsamen Augen, die mich eben noch als die eines Fremden mit Grauen und Schreck erfüllt hatten. Das bräunliche Antlitz eines fremden Mannes starrte mich mit irisierend grünlichen Augen als mein eigenes Antlitz an. Und während ich mich mit beiden Händen an dem Spiegel festhielt, um nicht zu fallen, war es mir, als hätte ich dieses Antlitz schon gekannt seit langen Jahren . . . seit langen Jahren . . . .