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Man hat es oft beobachtet, daß eine plötzlich den Menschen befallende Furcht oder ein Schrecken ihn für einige Zeit des Verstandes beraubt. Der menschliche Geist hat, wie jeder Körper, nur eine ganz bestimmte Elastizität; er ist nicht fähig, die allergewaltsamsten Veränderungen augenblicklich zu begreifen, und nach dem Gesetz der psychischen Reaktion tritt sehr oft nach dem ersten furchtbaren Erschrecken eine völlige Blindheit des Geistes ein, ein völliges Vergessen. So hat man Mütter, deren Kinder in einem Brande umgekommen und vor ihren Augen verbrannt waren, wenige Augenblicke nachher, ihre eben unterbrochene Tätigkeit wieder aufnehmen sehen, ja sogar heiter und sorglos lachen hören.

Auch an mir konnte ich jetzt einen ähnlichen Zustand feststellen. Nachdem das erste unheimliche Grauen meinen Verstand bis an die Grenze des Wahnsinns gebracht hatte, betrachtete ich das Gesicht im Spiegel mit einer Art einfältig-kindischer Neugier. Ich sah es hilflos grinsen — und ich grinste wieder. Eine Hand streckte sich gegen mich aus — auch ich hob meine Hand. Und plötzlich, ganz auf die Stufe des Säuglings zurückgedrängt, versuchte ich mit meinem ausgestreckten Finger das Bild zu berühren. Mein Geist mußte wohl eben daran sein, sich von dem ersten furchtbaren Schrecken zu erholen; denn jetzt packte mich ein neues Entsetzen, als ich sah wie der Spiegel sich unter dem Druck meiner fremden Hand in eine gallertartige, schlammig-graue Masse verwandelte, und ich in dem eingebildeten Raum hinter dem Spiegel einen harten Körper berührte, — mein eigenes Antlitz!

Und obgleich dieses Antlitz zu leben schien, obgleich ich die belebten Lippen, den feuchten Augapfel, die atmende Haut mit meinen Augen wahrnahm, so fühlte meine Hand an der Spitze ihres langen, dünnen gelblichen Fingers nur einen kühlen, metallisch-harten Körper und im gleichen Augenblick verspürte ich auf meiner Zunge den scharfen, intensiven Geschmack von bitterem Messing . . .

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Ich vernahm plötzlich ein ungeheures Brausen wie von rollenden Rädern und öffnete die Tür. Draußen erblickte ich eine große Menge hin und her laufender Menschen, ohne daß ich irgend ein Gesicht deutlich hätte erkennen und sehen können. Mir war als könne ich den Kopf nicht bewegen und nicht in die Höhe heben. Ich eilte auf den dunklen Gang hinaus und bemerkte dort vor mir einen Herrn mit einem ungewöhnlich verzwickten Gang. Ich folgte ihm. Wir gingen bald links in einen Seitengang, bald rechts, bald stiegen wir eine enge Treppe hinauf, bald durchschritten wir einen Saal, in dem lauter Frauenbildnisse hingen, bald kamen wir wieder durch einen Gang, der immer enger und enger wurde, daß wir uns kaum mehr durchzwängen konnten. Endlich gelangten wir in eine ungeheuer große Halle, in der ein trübes violettes Licht herrschte, das irgendwo von oben hereinfiel. Mitten durch die Halle führte ein endlos langer Gang, der mit schwarzgelben quadratischen Platten belegt war. Es war eine ungeheure Einsamkeit und Öde um uns, wie auf einem winterlichen Feld, fern von allem Leben. In weiter Ferne sah man etwas Schwarzes sich nähern und bewegen. Obgleich es kaum größer war wie ein dunkler Punkt, so hatte man doch deutlich die Vorstellung von jemandem, der in einem flatternden Mantel heftig gegen den Wind kämpft. Stunden und Stunden schienen zu verrinnen, immer sahen wir den Mantel auf dem Wege flattern und wehen, aber nur ganz langsam und unmerklich schien sich die Gestalt uns zu nähern. Ganz plötzlich sah ich dann, was mir vorher entgangen war, daß die Halle von ungeheuer hohen, grauen Säulen getragen wurde, die wie mächtige Schäfte aus dem Boden herauswuchsen. Kaum hatte ich das bemerkt, als hinter der nächsten breiten Säule, kaum zehn Schritte von mir, unhörbar eine Frauengestalt hervor trat, in einem fließend dunkelgrünen Sammetkleid, das den Hals frei ließ und von einem silbernen Gürtel umspannt war. Die Frau lächelte eigentümlich und schritt langsam auf mich zu. Mit jedem Schritt aber schien sie zu wachsen und ihr Antlitz wurde größer und größer. Sie hatte die Hände leicht übereinandergelegt; ihre Augen und Lippen lächelten; das offene Haar fiel über die Schultern und den freien Hals mit dem Brustansatz. Plötzlich wurde es mir klar, daß es keine Frau war, sondern nur ein Bild gewöhnlicher Größe in einem dunklen Rahmen, der gegen eine der grauen Säulen gelehnt stand. Gleich darauf hörte ich hinter mir Schritte von vielen Menschen erklingen. Ich sah, daß ich mich in einer Kirche befand. Als ich mich umdrehte, gewahrte ich in einer seltsam in dunkle, traurige Trachten gekleideten Menschenmenge, die sich vollkommen stumm verhielt, den Mann mit dem flatternden Mantel. Er trug einen altertümlich spitzen schwarzen holländischen Hut, wie er im siebzehnten Jahrhundert Mode war. Er ging an der Seite einer großen schlanken Dame, die mir den Rücken zuwandte und nach dem Ausgang zuschritt. Plötzlich aber sah sie an dem spitzen schwarzen Hut ihres Begleiters zu mir herüber, lächelte mir zu und winkte mit der Hand. Ich warf einen Blick nach der Säule — das Bild war verschwunden . . .

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Als ich erwachte, fand ich mich stehend, die halbgeöffnete Tür der Kabine in der Hand. Ich konnte den Gang übersehen, auf dem ein seltsames Licht herrschte, obgleich es dunkel war. Auf einmal sah ich einen schwachen, phantastisch aussehenden Schatten über die Dielen fallen und gleich darauf bemerkte ich den Gelben, der mit seinem hastigen, verzwickten Gang, ohne mich zu bemerken, ein großes, graues Paket unter dem Arm, an mir vorübereilte.

Lautlos schlich ich ihm nach.

Wir kamen auf Deck.