»Ich denke, er wird's überstehen,« sagte er ruhig, während er neben der Gräfin Platz nahm. »Die Wunden sind schwer, aber nicht lebensgefährlich. Der Hüftknochen ist scharf gestreift, die Knochenhaut etwa zollbreit zerstört. Von Bruch oder Splitterung hab' ich nichts wahrgenommen. Auch die Verletzung des Oberarms beschränkt sich auf eine tüchtige Fleischwunde, während der Unterarm nur gequetscht ist. Wenn nicht Komplikationen eintreten, hoff' ich in drei oder vier Wochen …«

»Komplikationen?« fiel ihm Adele ins Wort. »Wie meinen Sie das? Welcher Art könnten die sein?«

»Ja, mein Gott, bei solchen Verwundungen ist gar mancherlei denkbar. Da kann Rose hinzutreten, Pyämie, Verjauchung, selbst Starrkrampf. Die Hauptsache ist eine sorgsame Ueberwachung der Pflege, und ängstliche Desinfektion. Was in letzterer Beziehung vorläufig geschehen konnte, hab' ich gethan. Heute abend um neun Uhr komm' ich wieder. Frau Gräfin haben wohl die Geneigtheit, mich holen zu lassen; der Weg ist weit, und mein ehrlicher Schimmel braucht noch einmal so lang, als Ihre Prachtfüchse.«

»Selbstverständlich!« sagte die Gräfin erregt. »Punkt acht Uhr hält der Wagen vor Ihrem Hause. Uebrigens fällt mir da ein: sieben Uhr fünfzig kommt ja der Zug von Zeschau, mit dem mein Mann zurückkehrt. Ich schicke den Landauer an die Bahn und bitte den Grafen, Sie mitzubringen. Sie setzen ihm dann wohl gleich auseinander, was sich ereignet hat. So ersparen Sie mir die Notwendigkeit, all diese Einzelheiten noch einmal durchzusprechen. Ich schaudere, wenn ich nur daran denke.«

»Das begreift sich,« versetzte der Arzt. »Frau Gräfin sehen wirklich erschöpft aus. Essen Sie was – eine Kleinigkeit – und trinken Sie ein Glas Portwein! Man muß sich zwingen, Frau Gräfin! Na, und die kleine Komteß? Wie geht's denn, Püppchen? Gib mal die Hand! Wir scheinen uns, Gott sei Dank, rascher zu fassen, als die Mama. Das glückliche Vorrecht der Kindheit!«

Er nahm seinen Hut vom Teppich.

»Also, es bleibt dabei,« sagte er aufstehend, »Ihr Herr Gemahl holt mich ab. Morgen bin ich ohnedies in der Nähe; dann sehen wir weiter. Apropos: wünschen Sie eine Pflegerin?«

»Für die Besorgung der Wunden?«

»Nein. Die Verbände rührt niemand an, als ich selbst. Aber fürs übrige. Es ist sehr wahrscheinlich, daß sich in der Nacht Fieber einstellt. Ich glaube, Herr von Somsdorff wird ein ungeduldiger, schwer zu behandelnder Patient sein. Jedenfalls muß bis auf weiteres bei ihm gewacht werden …«