Doktor Michalsky zog die mächtige Stirn hoch und zuckte die Schultern.
»Dagegen ist nichts zu wollen,« sagte er spöttisch. »Gnädige Gräfin, ich habe die Ehre! Adieu, Komteßchen! Ja keinen Lärm machen! Ich glaube, er schläft!«
Der blinkende Hochradwagen mit den zwei goldroten Prachtrennern führte den Arzt pfeilschnell dahin, während Adele, das Töchterchen zärtlich umfangend, noch immer wie halb gelähmt in den Polstern des Sessels lag, wo sie den kurzen Bericht Michalskys entgegengenommen hatte. So verharrte sie wohl eine Stunde lang. In der That, Leo von Somsdorff schlief; Karl, der Diener, saß bei ihm und hatte noch immer nicht auf die Klingel gedrückt, zum größten Verdruß der Zofe, die nach Verwindung des ersten Schrecks geradezu darauf brannte, sich an der Lagerstatt des Verwundeten nützlich zu machen.
Als Leo sich regte, begab sich Adele, von Frida begleitet, ins Krankenzimmer, während Miß Harriet die kleine Josefa nach der Veranda führte. Das heiße Dankgefühl ihres Herzens nicht mehr in Worte kleidend, fragte die Gräfin mit ruhiger Milde, ob der Patient einen Wunsch habe.
Leo verneinte. Er hatte die Augen nur halb geöffnet. Die Lippen bewegten sich kaum; er bot den Anblick traurigster Hinfälligkeit.
Gleich danach verlangte er Wasser.
Der Diener füllte aus der jetzt eben hereingebrachten taubeschlagnen Flasche ein Glas, mischte ein Viertel Fruchtsaft darunter und überließ es der Gräfin, den Dürstenden zu erquicken. Mit der einfachen Sicherheit einer barmherzigen Schwester hob sie dem Todmüden das Haupt und hielt ihm den Trank an die Lippen, den er begierig hinabsog. Dann strich sie ihm sorglich die Kissen zurecht, ohne ihn zu erschüttern, sanft und gewandt, als hätte sie jahrelang diese Obliegenheiten geübt, gab der Zofe die Weisung, im Nebenzimmer ein Fenster zu öffnen, so daß die warme, erquickende Mailuft in köstlichen Wellen durch die portierenverhangene Thür strömte, und ließ sich dann von dem Diener das Blatt mit den Notizen des Arztes zeigen.
»Sie können jetzt gehen, Karl,« sagte sie endlich. »Sehen Sie zu, daß Sie ein paar Stunden vorweg schlafen. Diese Nacht müssen Sie Wache halten. In der folgenden lös' ich Sie ab, ich und Frida. Für heute abend bestellen Sie ein Gedeck mehr. Sie wissen, um neun kommt der Arzt. Miß Harriet lasse ich bitten, weitab in den Garten zu gehen, und dann später ins kleine Eckzimmer; die Veranda muß frei bleiben, man hört hier sonst jedes Wort! Ueberhaupt: allen im Hause empfehlen Sie Ruhe an, peinlichste Ruhe! Der Koch soll die Fenster schließen, der Gärtner den Springbrunnen abstellen …«
Der Diener verneigte sich.
»Gnädige Gräfin sprechen zu keinem Unverständigen. Als ich noch in Stroßhaida bei den Dragonern stand, lag der Herr Rittmeister, mein vortrefflicher Herr, volle sechs Wochen in Lebensgefahr – ein Schuß in die Lunge – und ich allein hab' ihn gepflegt mit dem gnädigen Fräulein, der Schwester nämlich, was aber nur so ganz nebenher war; denn sehr lange hielt sie's nicht aus, und bekam schließlich Migräne und Rückenschmerz. Ich kenn' die Geschichte, und wie's da förmlich an einem Haar hängt. Will's den Leuten schon eintrichtern, besonders dem Koch, der wirklich thut, als wär' er mit seinen Kasserollen und Löffeln allein im Haus.«