»Ich verlass' mich auf Sie.«

»Aber was ich bemerken wollte: die gnädige Gräfin müssen doch auch gewissermaßen an Ihre eigene werte Person denken. Wie Frida sagt, haben Frau Gräfin noch nicht gespeist. Es ist ja wahr, bei solchen Entsetzlichkeiten vergißt man Gott und die Welt, geschweige denn das Diner. Der Koch ist natürlich wütend, der jungen Erbsen wegen, auf die er so protzt, und weil er die Zunge selbst eingepökelt hat; von seinen Hähnchen gar nicht zu reden. Mir kann's ja gleich sein, denn ich stehe nicht sehr mit dem François. Aber wenn die Frau Gräfin befehlen, könnt' ich denn doch eine Kleinigkeit …«

Adele sah nach der Uhr.

»Wahrhaftig, schon beinahe vier! Ich ahnte das nicht. Sie haben recht, Karl! Miß Harriet soll mit der Kleinen zu Tisch gehen. Mir bringen Sie eine Tasse Bouillon. Nichts weiter! Höchstens dann später vielleicht den Kaffee.«

»Und Frida?« murmelte Karl mit einem fürsorglichen Blick auf das Kammermädchen.

»Frida kann ja gleich mit Ihnen gehen. Sobald sie gegessen hat, kommt sie zurück.«

Die beiden entfernten sich. Adele trat leise an die Portiere und sah nach der Bettstatt, wo Leo, die Augen geschlossen, wieder entschlummert schien. Sie seufzte tief, schlich dann bedächtig zum Fenster und sah eine Weile hinaus nach dem Teich, wo noch der armsdicke Wasserstrahl rauschend gen Himmel stieg, bis er dann plötzlich in sich zusammenbrach und verstummte. Die ganze lichtüberströmte Natur da draußen schien dies Verstummen mit zu empfinden. Alles veränderte sich, alles verlor gleichsam die Seele. So mußte es sein, wenn ein teures, leidenschaftlich geliebtes Leben, dessen beglückende Gegenwart man bis dahin als selbstverständlich betrachtet, dessen Verlust man nie für möglich gehalten hat, plötzlich erlosch.

Adele zitterte. Ach, um ein Haar wäre das unermeßliche Weh, das sich ihr jetzt hier nur symbolisch darstellte, ja in Wahrheit ihr Schicksal gewesen! Die kleine, süße, blonde Josefa! Ihr Ein und Alles! Der Angelpunkt ihres Daseins!

Noch nie hatte die Gräfin mit so erschöpfender Klarheit gefühlt, was sie in diesem Kinde besaß.