Die Stirn wider den Fensterrahmen gepreßt, überließ sie sich einer verzweifelten Selbstschau.
Mit dem üblichen Maßstabe einer weiblichen Existenz gemessen, war ihr Dasein von Grund aus verfehlt.
Die Ehe mit Gerold von Authenried glich einer Wüstenei. Das siebzehnjährige Mädchen, von den Verwandten gedrängt, selbst ein wenig bestochen durch allerlei Aeußerlichkeiten und fest überzeugt, daß Gerold sie anbete, hatte sich übereilt.
Zu spät mußte sie die Entdeckung machen, daß die liebenswürdige Art, mit der Graf Authenried sich ihr angepaßt, ihre kleinen Phantastereien genährt, ihren harmlosen Eitelkeiten geschmeichelt hatte, ebenso Maske war, wie der Ausdruck von Bonhomie, der alle Menschen so lange über den wahren Kern dieses Charakters täuschte, bis ein entscheidender Augenblick die sympathische Hülle hinwegschob.
Gerold war überhaupt der Liebe nicht fähig. Kalte Berechnung, herzloser, grausamer Egoismus, starre Gemütlosigkeit – das waren die Grundzüge seines Wesens. Der überschwengliche Bräutigam hatte sich nach der Hochzeit fast ohne Uebergang in den frostigen Mann verwandelt, der sich selber genug ist, der keines mitfühlenden Herzens bedarf, um des Lebens froh zu werden. Durch gehäufte Beobachtung war Adele zu dem gräßlichen Resultat gelangt, daß sie das Opfer einer elenden Spekulation geworden. Der Graf war, zum Teil wohl infolge der übermäßigen Summen, die er blindlings für seine Sammlung vergeudete, seit Jahren verschuldet: die glänzende Mitgift der reichen Patrizierstochter, die überdies als Universalerbin einer entfernten Verwandten viele Millionen eignen Vermögens besaß, zog ihn mit einem Schlag und für immer aus der Verlegenheit. Und gerade der Wahn, daß der Graf, der ganz allgemein für einen der reichsten Aristokraten galt, nur sie selber begehre und nicht ihre äußeren Glücksgüter, hatte bei dem hundertfältig umworbenen Mädchen den Ausschlag gegeben! Er schien so gut, so ehrlich, so vollständig frei von verletzenden Nebengedanken!
Im übrigen war ja an der Behandlung, die der Graf seiner jungen Frau angedeihen ließ, nichts Ernstliches auszusetzen. Er verstieß nie gegen die Form, wenn sein Gebaren auch reichlich den Eindruck machte, als sei die Höflichkeit, ja der mitunter scherzhafte Ton, den er anschlug, nur die Wirkung einer in Fleisch und Blut übergegangenen guten Erziehung, etwas rein Mechanisches ohne Sinn und Gefühl. Niemand im ganzen Schloß ahnte denn auch, wie schmerzlich Adele unter dem Druck dieser inneren Beziehungslosigkeit litt, wie schwer sie mit ihrer eigenen Mißstimmung kämpfte, wie oft sie einen gewaltsamen Anlauf nahm, sich der Lüge zu zeihen, ihren Gemahl vor der Anklage, die doch so zweifellos war, zu entschuldigen und durch Güte und Freundlichkeit das zu erobern, was ihr mit jedem Jahr mehr zu entschwinden drohte: die menschliche Teilnahme Gerolds an ihrem Geschick und an dem ihres Kindes. Alles umsonst. Ihre Sanftmut, ihr stummes, geduldiges Werben glitt an ihm ab, wie das Wasser am Pelze des Eisbären. Er merkte wohl gar nicht, wie sich die Trauernde mühte; vielleicht auch ward ihr Bestreben wirkungslos durch die geheime Verachtung, die immer und immer wieder in ihrem Herzen emporquoll und manches Wort minder versöhnlich färbte, als sie es wünschen mochte.
Den Blick auf die Fläche des Teiches geheftet, der jetzt glatt wie ein Spiegel die ganze Vegetation und den tiefblauen Himmel zurückwarf, forschte Adele gramerfüllt in dem Buch dieser zahlreichen mißglückten Versuche, die sie ja freilich seit vielen Jahren schon eingestellt hatte. Längst war sie an die Unabwendbarkeit ihres Schicksals gewöhnt. Ja, es schien, als hätte sie sich halbwege damit zurechtgefunden. Ihr Kind, ihr süßes, angebetetes Kind ersetzte ihr, was ihr das Leben sonst an Herzensfreude und Glück versagt hatte. Josefa war ihr Gedanke bei Tag und bei Nacht. Dies liebe Geschöpf gegen alle Rauheiten des Daseins zu schirmen, seine Erziehung ängstlich zu überwachen, sein Herz mit allen Banden der Zärtlichkeit an sich zu fesseln: das galt ihr für den alleinigen Zweck ihres Lebens. Ernster und strenger, als dies sonst wohl zu ihrer Jugend gepaßt hätte, arbeitete Gräfin Adele an ihrem eignen Charakter, stets im Hinblick auf dieses geheiligte Ziel. Sie wußte, daß der unmittelbare Eindruck des Beispiels kräftiger wirkt, als die Schattenhaftigkeit noch so häufig gepredigter Lehren; sie ahnte etwas von dem machtvollen Nachahmungstriebe der Kindheit auch im Gebiete des Fühlens und Anschauens.
Und jetzt, wie sie so dastand im Bewußtsein der kaum überwundnen Gefahr, wiederholte sie sich das Gelübde, ihrem Kind eine Mutter zu sein, deren geheimste Gedanken in die schuldlose Seele des Lieblings einströmen dürften, ohne sie zu entweihen. Kein Groll gegen das Schicksal, keine Mißstimmung gegen den Mann, der sie so wenig begriff, sollte in ihrer Brust mehr Raum finden. War sie nicht glücklich trotz alledem? Füllte das Kind sie nicht vollständig aus? Und mußte nicht der Gedanke, daß sie in Demut und Schweigsamkeit ihre Pflicht that, die heitere Klarheit, die sie Josefas halber so manchmal erkünstelt hatte, allgemach in Natur verwandeln? Ja, es gab einen Frieden, der höher und herrlicher war denn alle Vernunft, eine Gleichmäßigkeit des Empfindens, dem selbst die Bitternis langer, trüber Erfahrungen nichts mehr anhaben konnte.
Sie schloß die Hände wie zum Gebet. Tiefträumerisch regten sich ihre Lippen. So völlig war sie versunken, daß sie jählings zusammenschrak, als der Verwundete jetzt leise zu stöhnen begann. Eilig huschte sie über die Schwelle und beugte sich vor, um zu lauschen. Somsdorff beruhigte sich wieder. Er schlief noch. Aber sein Antlitz, das bis vor kurzem noch bleich und blutlos gewesen war, hatte sich merklich gerötet. Ein Zucken ging um die Augen; die Hand des unbeschädigten Armes, der auf der Decke lag, glitt von Zeit zu Zeit knisternd über die schwarzblaue Halbseide.
»Das Wundfieber ist im Anzug!« seufzte Adele. »Gott schütze ihn!«