Sie kam sich vor wie eine Frevlerin, daß sie im Ueberschwang ihrer Mutterliebe auch nur minutenlang mehr an sich selbst und Josefa, als an den Mann gedacht, der sich so hochherzig für die Kleine geopfert hatte. Im Geist bat sie ihn fußfällig um Verzeihung. Wie gern hätte sie diese Hand, die den rettenden Schlag geführt, voll Inbrunst geküßt, wie man die Hand eines Beichtvaters küßt, wenn er dem Beichtkind die Last einer quälenden Schuld von der Seele genommen! Aber da stieg eine Erinnerung vor ihr auf, die sich während der letzten Stunden gleichsam versteckt hatte: das Bewußtsein, daß er von Sympathieen geredet, deren Lebhaftigkeit sie in dieser Form nicht zu dulden gewillt war. Das vertrat ihrem Eifer sofort den Weg. Und sie durfte ja auch seinen Schlaf nicht stören, diese unheimlich dumpfe Rast, die ihr manchmal nur wie die Regungslosigkeit eines tödlich Erschöpften vorkam. Jetzt besonders war ihr zu Sinne, als ob der Verwundete sehe und höre, aber zu schlaff sei, um seine Wimpern zu heben.
Ein lautes Aechzen riß sie aus dieser Betrachtung. Somsdorff hatte den Kopf ein wenig zurückgeworfen; die Züge des sonst so regelmäßig geschnittenen Angesichts waren schmerzlich verzerrt. Dann fiel der Kopf wieder nach vorn. Der Atem des Kranken ging schwer und beklommen.
Adele flößte ihm, mit einer Bewegung der Abwehr gegen die Hilfsbereitschaft der Zofe, ein paar kühlende Tropfen ein.
»Danke!« hauchte er fast unhörbar. Ein müder Blick streifte sie, fahl und bleich wie der letzte Schimmer eines verlöschenden Herbsttages. Dann schloß er die Lider, seufzte und ließ die Stimmung, die ihn beseelen mochte, in einem fast unmerklichen Beben der Mundwinkel ausklingen. Dies herzzerreißende Lächeln rührte die junge Frau fast zu Thränen.
Adele genoß an diesem traurigen Nachmittage kaum einen Bissen. Das Kammermädchen, das nach Verlauf einer Stunde heraufkam, setzte sich mit ihrer Näharbeit in das Krankenzimmer, während die Gräfin im Seitengemach unruhig das Sinken der Sonne und das Wachsen der Schatten über dem Teich verfolgte, ab und zu von dem elfenbeingeschnitzten Regal ein Buch herabnahm, ein paar Zeilen durchflog, ohne zu ahnen, was sie gelesen hatte, und dann wieder auf den Standplatz am Fenster zurückkehrte. Sie meinte, dies Harren und Warten mit dem Blick auf den Park daure nun schon seit Wochen: so oft hatte sie die nämlichen Gegenstände mit rein mechanischer Aufmerksamkeit durchmustert, sich voll Ueberdruß abgewandt und dann von neuem begonnen.
Endlich brach so die Dämmerung herein. Josefa kam scheu an die Thür, um ihrer Mama gute Nacht zu sagen.
Adele küßte sie leidenschaftlich.
»Ehe du einschläfst, bete für unsern Freund!« raunte sie ihr ins Ohr. »Bitte den lieben Gott, daß er ihn bald gesund macht!«
Das Kind nickte.
»Miß Harriet will auch beten,« sprach es nach einer Weile und schmiegte sich zärtlich an seine Mutter.