»Doch, Gerold. Aber was hast du nur? Du bist so erregt …«

»Das macht der Verdruß über die schändliche Spitzbüberei in Zeschau. Denke dir nur, eine Sammlung mit Prachtstücken ersten Rangs, griechische, römische, altitalienische Seltenheiten vom höchsten Wert – und dieser elende Kniff, der mich einfach beraubt! Denn das alles war mein; ich hätte die Mitbieter unbedingt aus dem Felde geschlagen! Nun, es ist mal geschehen, und da hilft kein Lamento! Ja, du hast recht; ich bin wohl zu ungestüm …«

»Wenn's dich erleichtert, Gerold …«

»Pah, man soll seinen Aerger nicht mit nach Haus schleppen …«

»Was ist das mit dem Kongreß in Bonn?«

»Am sechsten und siebenten Juni tagt dort die Hauptversammlung der Numismatiker, – Deutsche, Franzosen, Engländer, Italiener, tutti quanti! Leipold in Breslau – weißt du, der alte Herr mit den Blatternarben, den wir im Schwarzwald kennen gelernt – hat mir den Zutritt vermittelt. Infolge eines sehr liebenswürdigen Briefes von Beaulieu-Sarcenet kam mir nun plötzlich der Einfall, auf dem Kongreß einen Vortrag zu halten. Das Material zu dem, was ich plane, liegt mir seit lange vor; aber ich muß nun ergänzen, Belegstellen aufsuchen, ordnen – kurz, es ist eine riesige Arbeit für die beschränkte Zeit, und da heißt's, den Kopf oben behalten! Ich hatte darauf gerechnet, Somsdorff ein wenig heranzuziehen; er hat die unschätzbare Gabe des Ueberblicks; er findet sich schnell zurecht; er hätte mir mancherlei abnehmen können … Das ist nun alles vorbei! Ein wahrer Jammer! Leipold hat mir auch eine Karte für ihn geschickt … ich wollte Somsdorff damit überraschen … Ja wohl! Der Mensch denkt, und Gott lenkt! Wären die Sechzehnender Seiner Fürstlichen Durchlaucht nicht …«

Adele sah ihn mit ihren großen, herrlichen Augen verständnislos an. War's denn zu glauben? Das Kind dieses Mannes hatte vor wenigen Stunden in Todesgefahr geschwebt; ein Freund des Hauses hatte dies Kind unter Preisgebung seiner eignen gesunden Glieder gerettet und lag jetzt droben vielleicht in den letzten Zügen – und Gerold von Authenried sprach mit wachsender Lebhaftigkeit von Beaulieu-Sarcenet, von Leipold in Breslau, von der Idee eines numismatischen Vortrags auf dem Kongreß zu Bonn! Mit keiner Silbe hatte er nach Josefa gefragt; kein Wort des Dankes für die Gnade der Vorsehung war ihm noch über die Lippen gekommen. Sein ganzer Kummer beschränkte sich, wie es schien, auf den Verlust eines erwünschten Helfers und Reisebegleiters.

Die Gräfin verspürte ein eigentümliches Frösteln. Es war, als lege sich ihr eine starre, eiskalte Hand aufs Herz und drücke es langsam und stetig zusammen.

»Willst du dich umkleiden?« fragte sie endlich, da sie im Speisezimmer das Klirren des Tafelgeschirrs hörte.

»Natürlich. Man ist ja verstaubt wie ein Müllerknecht. Das war ja ein Qualm im Coupé …«