»Man hätte das früher bedenken sollen,« brummte der Arzt beim Anblick des etwas halsbrecherischen Transportes. »Freilich, in so verteufelten Situationen verliert man den Kopf; das ist menschlich. Selbstredend müssen wir jetzt für die Nächte ein Zimmer im Erdgeschoß herrichten.«
»Das ist schon geschehen,« versetzte die Gräfin. »Ich dachte, den kleinen Salon am Ostflügel …«
»Ah, sehr gut! Bequemer kann er's nicht haben! Und nicht wahr, die größte Vorsicht beim Umbetten! Die Wunden sind ja so ziemlich geheilt, dank seiner phänomenalen Konstitution; aber ein einziger Stoß, eine falsche Bewegung kann uns um Tage zurückwerfen.«
Gräfin Adele sorgte dafür, daß nichts geschah, was den glücklichen Fortgang der Rekonvalescenz hätte hindern können. Mit der lächelnden Unerbittlichkeit einer Mutter hielt sie auf strengste Erfüllung aller ärztlichen Vorschriften, oft im Widerspruch mit den Wünschen des jungen Mannes, den zuweilen die Ungeduld heimsuchte, namentlich wenn ihn die Gräfin der Obhut der Dienerschaft überließ. Aber Karl sowohl als die Zofe hatten strikten Befehl, ihm unter keiner Bedingung nachzugeben. Zwanzigmal forderte er Papier und Bleistift, um Briefe oder Notizen zu schreiben, was ihm, da sein linker Arm noch im Verband lag, Schwierigkeiten verursachte, die ihm das Blut nach der Stirn trieben. Einmal hatte er's durchgesetzt, und nicht wieder … Die Schreiberei schien der Gräfin um so vermeidbarer, als die sechs Zeilen, die er mit großer leiblicher und geistiger Mühe niedergekritzelt, einen »Dank an die gütige Fee« enthielten, und zwar in klangvollen, etwas verworrenen Rhythmen, deren zwei letzte Reimworte »Adele« und »Seele« waren. Auch das anhaltende Sprechen verwies sie ihm, und den Eifer, mit dem er zu gestikulieren versuchte, als müsse er die vorübergehende Außerdienststellung des kranken Armes durch verdreifachte Thätigkeit des gesunden wettmachen.
Wenn er so, wohlig und warm zugedeckt, auf der Veranda lag und die köstliche Luft schlürfte, die ihm selbst um die Mittagszeit nicht zu heiß schien, saß Adele oft stundenlang, eine Stickarbeit in der Hand, neben ihm, ohne daß zwischen den beiden ein Wort fiel. Dann wieder that er aus tiefen Gedanken heraus eine plötzliche Frage, erzählte ihr fast ohne Uebergang ein Erlebnis, eine Scene aus seiner Kindheit oder veranlaßte sie zum Plaudern. Manchmal hatte sie auch ein Buch und las ihm zehn Minuten lang vor, den Anfang einer Novelle, etwas von Rosegger, ein paar schwermütig rauschende Klänge aus Geibels »Spätherbstblättern«. Die Augen geschlossen, ein seliges Lächeln auf den geöffneten Lippen, lauschte er, kaum noch atmend; es blieb unentschieden, ob die Poeten mehr Anteil an dieser Verzückung hatten, oder die Vorleserin.
Und dann sprach er wieder, als müßte ihm das Empfangne die Brust zersprengen, wenn er noch stumm bliebe. Es war nicht viel, was er sagte, wohl auch nichts sonderlich Interessantes. Aber die Gräfin lauschte nun eben so andachtsvoll, wie er, wenn sie las, und stellte ihre Betrachtung darüber an, wie seltsam die Stimme des jungen Mannes sich während der Krankheit verändert hatte. Das war nicht mehr die trotzige Fülle stürmischer Leidenschaft, die sie zu Anfang – jetzt ward es ihr klar – beinah' aus jeder Silbe herausgehört hatte. Nein, die Glut war in Milde – sie hätte fast sagen mögen: in kindliche Sanftmut – umgewandelt. Der Klang seines Organs hatte jetzt Modulationen, deren schmeichelnde Art sie fast an Josefa erinnerte. Vielleicht sprach die Dankbarkeit überall in den gleichen herzberauschenden Tönen?
Am neunten Juni wurde Graf Gerold zurückerwartet. Ein Telegramm an Somsdorff, das den Verlauf des Kongresses knapp schilderte und die befremdliche Nachricht enthielt, Gerold habe sich mit Beaulieu-Sarcenet überworfen, bestellte den Wagen auf sieben Uhr fünfzig nach Hoyersbrück.
Somsdorff empfing die Depesche auf seinem gewöhnlichen Ruheplatz zwischen den beiden Verandasäulen. Er hatte jetzt eben mit Hilfe des Dieners gespeist und lag etwas erschöpft in den Kissen, als ihm die Gräfin, bereit, wieder neben ihm Platz zu nehmen, das Telegramm überreichte.
»Ich hab' es auch diesmal geöffnet, der ausdrücklichen Weisung des Arztes gemäß. Sie werden mir Indemnität erteilen.«