Sie strich der Kleinen, immer noch etwas bebend, über die Wangen.

»Wirklich, Du hast genug! Ueberhaupt – es wird spät. Kommen Sie, Herr von Somsdorff! Die Herrschaften können jeden Augenblick heimkehren!«

Ihr Kind an der Hand schritt sie voraus. Der junge Mann folgte, Scham, Zorn und wilde Verbitterung im Antlitz, den Erdbeerstrauß mit dem ungeordneten Rankenwerk immer noch zwischen Daumen und Zeigefinger, als sei das Geschenk der unschuldigen kleinen Komteß ein widerwärtiges Tier, ein Insekt, dessen Biß oder Stich er zu fürchten habe.

Er war jetzt geradezu außer sich. Der ruhig gefestete Blick, mit dem sich die Gräfin zum Gehen gewandt, bürgte dafür, daß diese schwache Minute sich nie wiederholen würde. Von ihm und seinen verstörten Zügen war jener Blick, halb unbewußt, zu Josefa geglitten … Ja, diese Mutter würde in der unendlichen Liebe zu ihrem Kinde die Kraft finden, auch in dem qualvollsten Kampf zwischen der Leidenschaft und den Geboten der Pflicht obzusiegen!

Leo fühlte das mit der unmittelbaren Gewißheit der Intuition. »Entsage ihr!« klang es durch sein Gemüt – aber umsonst. Die Erkenntnis, daß er hier ein Unmögliches anstrebe, steigerte nur den unermeßlichen Brand seiner Sehnsucht.


Fünftes Kapitel.

Man erreichte erst eben die Freitreppe, als von der Landstraße her das Rollen des Jagdwagens und das vergnügte Knallen der Peitsche ertönte.

Die kleine Gesellschaft hatte sich wundervoll amüsiert, obgleich die Partie an und für sich keine sehr nennenswerte Ergötzlichkeit bot. Ein Teil der Fahrt ging sogar über ziemlich reizlose Acker- und Wiesenstriche, wo die glühende Prallsonne des Junitages kaum hier und da durch ein paar Obstbäume abgedämpft wurde. Aber die Laune, die gute Laune! Fräulein Gertrud und der alte Major hatten sich so köstlich geneckt, und so urkomische kleine Geschichten waren erzählt worden, daß man just auf diesem sonnüberströmten Plateau aus dem Gelächter gar nicht herauskam.

Und dann die Bowle im Nehrauer Birkenwald. Natürlich hatte man alles Notwendige mitgebracht. Den sauren Landwein des Nehrauer Sternwirts konnte man selbst mit uraltem Cognac, Zucker und frischem Waldmeister nicht zur Genießbarkeit aufkünsteln: aber der bauchige Vorratskasten des Jagdwagens hatte ja Raum genug – sogar für das unumgängliche Eis! Neun Flaschen, sage, neun Flaschen edlen Gewächses waren unter dem luftigen Blätterdach der Nehrauer Birken rite verzecht worden. Selbst Fräulein Gertrud hatte sich eifrig daran beteiligt, wenn auch der Schein ihrer Leistung größer war als die Wirklichkeit. Und sie sorgte dafür, daß dem Herrn Grafen und dem Major, der ihr geflissentlich zutrank, mehr dieser stark imponierende Schein, dem jungen Baron mehr die maßvolle Wirklichkeit in die Augen stach.