»Verstehen Sie italienisch?« fragte die Gräfin.

»Gerade genug, um mir die beiden Wörter ›Vorrei morir‹ ins Deutsche zu übersetzen. ›Ich möchte sterben!‹ Das andre überlaß ich dem Komponisten und der Künstlerin, die mir sein Tonwerk interpretieren soll.«

Der alte Major staunte. Was war das? Die Stimme des Sohnes hatte bei dieser Bemerkung eine so schmelzende, man konnte fast sagen, kokett wehleidige Klangfarbe, daß er den übermütigen Leichtfuß nicht wiedererkannte! Diese verteufelte Gertrud schien auf den kotillonordenüberschütteten König der Zeschauer Klub- und Ressourcenbälle wirklich einen geradezu phänomenalen Eindruck gemacht zu haben. Nun, ihm, dem Papa, sollte das recht sein! Eigne Erfahrungen flößten ihm für die Zukunft des Sohnes manchmal recht ernste Befürchtungen ein. Die Schwiegertöchter, wie sie dem Herrn Major tauglich erschienen, waren nur spärlich gesät. Straff mußte die sein, klug und energisch, die einen Menschen wie Friedrich aus den Gefahren des Leichtsinns dauernd erretten wollte. Diese Gefahren … du lieber Himmel! Er selbst, der gute Major, wußte Historien davon zu erzählen bis auf den heutigen Tag, trotz seiner vieljährigen Ehe mit Dorothea Freiin von Pehrts, die allerdings fast zwei Jahre älter gewesen als er, und viel zu geduldig und harmlos.

Gräfin Adele setzte sich, ließ ihre schlanken Hände präludierend über die Tasten gleiten und sang das funkelnde Tostische Lied mit dem sehnsuchtsvollen Refrain ›Vorrei morir‹. Die herrliche Altstimme war von unsagbarem Wohllaut.

Somsdorff, der abseits in einem Fauteuil saß, fühlte, wie ihm das Herz vor wildem Verlangen beinahe in Stücke brach. Zuletzt hielt er es nicht mehr aus. Die Wände des schwülen Raumes schienen die eingesogene Tagesglut unter dem Schwall dieser vulkanischen Töne mit verdoppelter Heftigkeit wieder auszustrahlen … Die Thüre nach der Veranda war halb geöffnet. Beim Verrauschen der Schlußaccorde erhob er sich und trat leise und langsam über die Schwelle.

Die Freitreppe, die Balustraden des Teiches, die Parkwege glänzten im Scheine des Vollmonds, der groß und leuchtend über den Wipfeln stand. Zwischen den Säulen hindurch strömte silbernes Licht auf das Marmorgetäfel und floß um die teppichbelegte Chaiselongue, wo Somsdorff während der letzten Wochen so manchmal selig geträumt hatte.

Ein warmblütiges Lachen scholl vom Salon heraus in die trostlose Mondnachtstimmung. Es war Gertrud Mettenius, die sich jetzt ans Klavier setzte und mit dem Sprudelton dieser herzentquellenden Lustigkeit eine nicht ganz geschickte Bemerkung ihres Verehrers Friedrich von Steinitz beantwortet hatte …

Nun spielte sie …

»Etwas Flottes!« hatte der Graf gesagt; »dieses ›Vorrei morir‹ war doch gar zu sentimental!«

Und wie ein prasselndes Feuerwerk sprühten die Klänge des neuesten Wiener Walzers unter den kecken, beweglichen Fingern hervor und prallten in unversöhnlichem Gegensatz auf den bläulichen Märchenschimmer des Parks und die verzweiflungsvolle Erregtheit Somsdorffs.