»Das Kind,« murmelte er wie geistesabwesend. »Ja, das Kind!«
Dann fuhr er, etwas lebhafter werdend, mit seltsam raunender Stimme fort: »Adele! Mich überkommt's wie die frohe Gewißheit, daß in Josefa uns beiden das Heil erblüht! Glauben Sie an himmlische Offenbarungen? Ich glaube daran – seit einer Minute! Das Kind … Fürchten Sie nichts! Dulden Sie mich noch vierzehn Tage lang hier! Sie können's getrost – und so war es ja ausgemacht! Eine frühere Abreise müßte Verdacht erwecken; auch wäre sie zwecklos. Adele, Sie sollen nicht wieder durch meine Thorheit zu leiden haben! Wie Schuppen fällt es mir von den Augen: die Erinnerung an das eine entscheidende Wort, das Sie jetzt eben gesprochen, wird mir die Kraft geben … Lassen Sie uns hier feierlich einen Bund schließen, der über allem Vergänglichen hoch und erhaben steht! Lassen Sie uns die Sehnsucht, der wir nicht folgen dürfen, mutig in einer Empfindung begraben, die heilig und selbstlos ist: in der gemeinsamen Liebe zu Ihrer Josefa! Wollen Sie? Dann reichen Sie mir die Hand …«
Im Salon verstummte jetzt die Musik. Adele, von plötzlicher Angst ergriffen, man möchte heraustreten, und ihr mondscheinumflutetes tête-à-tête mit Herrn von Somsdorff mißdeuten, schlug hastig ein und verließ ihn, ohne auf seine pathetischen Phrasen etwas erwidert zu haben.
Er starrte ihr nach, sah, wie ihr wallendes Kleid langsam über die Schwelle glitt, und lehnte sich dann, schwer atmend, gegen die Säule.
Dunkel und schweigsam lagen die Wölbungen der gewaltigen Baumgänge. Rechts vor der tiefen Allee glänzte im Mondlicht die Stelle, wo neulich die kleine Josefa, ihre Miß Harriet verlassend, der Mutter entgegengeeilt und so überaus leidenschaftlich geherzt und geküßt worden war.
Dies Bild verfolgte ihn jetzt wie ein Gespenst.
War's denn zu glauben? Das herrlichste, wonnigste Weib liebte ihn – und versagte sich ihm bei all ihrer Glut, weil da ein kleines fünfjähriges Wesen herumlief, das doch, bei Gott, nicht verkürzt wurde, wenn er die Mutter, ach, nur ein einzigesmal selig umfing! Das Kind und immer wieder das Kind! Dies thörichte kleine Geschöpf versperrte ihm also unabwendbar die Straße zum Glück! Es drängte sich stets wie ein Dämon zwischen ihn und den Labequell, sobald er sich niederbeugte, um seinen Durst zu löschen!
Er suchte sich nun die Züge Josefas recht deutlich vorzustellen, mit dem uneingestandenen Zweck, das hübsche Gesichtchen, das ihm zu Anfang so hold erschienen, um jeden Preis antipathisch zu finden.
»Sie ist das Ebenbild ihrer Mutter,« dachte er stirnrunzelnd. »Gut! Um die Brauen jedoch und im Blick hat sie etwas vom Vater – etwas Kaltes, Unangenehmes, Ordinär-Pfiffiges. Wahrhaftig, sie lächelt manchmal, sie lächelt … Wie sie mir heute den Strauß brachte! Infam! Die kleine Canaille weiß, daß sie stört! Sie ahnt es mit dem alles witternden frühreifen Instinkt einer spinösen Weiblichkeit.«
Und das Antlitz Josefas dünkte dem Aufgeregten immer entsetzlicher und verabscheuungswerter. Zuletzt kam es ihm vor, als ringelten sich statt der Locken gelbe, giftsprühende Schlänglein um die Stirne des Kindes … ein kleines Gorgonenhaupt, das mit Adele nur die Augen gemein hatte!