Ach, und da drinnen im kerzenhellen Salon, auf den er jetzt mühsam zuschritt, blühte, den Arm auf die Kante des Flügels geschmiegt, der Gegenstand seines Verlangens, die Göttin, deren Altar er längst schon mit leuchtenden Blumen geschmückt hätte, wäre der garstige, natternumzüngelte Kopf nicht gewesen, das öde, alberne Püppchen, das da im Herzen der Mutter eine so breite Stelle einnahm, das mit dem Klang seiner süßlichen Schmeichelworte das Weib in Adele grausam ertötet hatte!

Bis gegen elf Uhr musizierte man noch. Friedrich von Steinitz trug ein Studentenlied vor. Sein Papa, der den Sekt ein wenig spürte, fiel beim Refrain donnernd mit ein und schwang dabei die zierliche Mokkatasse wie ein rebenumkränztes Hochglas. Hiernach erbat sich der Graf das unverwüstliche ›Gaudeamus‹. Friedrich von Steinitz konnte das nicht begleiten, wohl aber Gertrud Mettenius, die alles vom Blatt spielte. Ihre Accorde brausten wie Orgelklänge. Von der zweiten Strophe ab sangen die drei Kavaliere gemeinschaftlich, grundfalsch zum Teil, aber mit sprühender Verve. Bei der dritten ging dem Major der Text aus, was ihn nicht hinderte, auf die Silben ›la-la‹ volltönig weiter zu schmettern. Bei der vierten folgte Gertrud Mettenius dem Beispiel der Herren und ließ eine flotte, nicht unangenehme Diskantstimme los. Bei der fünften zeigte sich Karl, der Bediente, schüchtern im Nebenzimmer und reckte staunend das sonst so diskrete Haupt: die Herrschaften waren ja ganz außerordentlich gut bei Laune!

Auch Leo von Somsdorff that zuletzt, als ob er sich dem ausgelassenen Konzert anschließe, während Adele wieder für Augenblicke ins Freie trat. Aber sein Herz wußte nichts von dem Uebermut dieser Stunde. Das Kind, das Kind verfolgte ihn unablässig – und als man gegen halb zwölf nach einem kurzen Geplauder, woran auch Gräfin Adele teilgenommen, sich trennte, da war er von diesem Gedanken wie festgepackt.

In trostloser Stimmung betrat er sein Schlafgemach. Rasch zog er sich aus, zum erstenmal ohne die Hilfe des Dieners, obgleich die Hüfte ihn wieder schmerzte. Sein Ingrimm steigerte sich mit jeder Minute. Er löschte das Licht und schloß gewaltsam die Augen, da ein Reflex des Mondes über dem Thürgesims ihn peinlich erregte. Die Fäuste geballt, sah er den flirrenden Schein trotzdem durch die zusammengepreßten Lider hindurch – und das bleiche Oval spann sich ihm aus zu einer bethörenden Sinnestäuschung. Es wuchs und wuchs, und schließlich war es Gräfin Adele, die im duftigen, milchweißen Gewand, die Arme bis an die Schultern entblößt, über die Schwelle glitt. Vor seinem Lager kniete sie langsam nieder, legte ihm schmeichlerisch die Hand auf die Stirn, küßte ihn heiß auf die Lippen und zog ihn mit ihren weichen, wonnigen Armen fest an die Brust.

»Adele!« rief er, von Glück und Seligkeit überwältigt.

Da schrillte schon wieder aus nächster Nähe die unleidliche Stimme: »Mama, Mama!«

Und das Kind kam herein durch die doppelt verriegelte Thür wie ein Geist, der die Mauern zerteilt, und zerrte hohnlachend das süße, himmlische Weib am Gewand und schlug dem liebeglühenden Mann die kleinen, spitzigen Krallen ins Antlitz, daß ihm das Blut über die Wangen troff.

Er fuhr stöhnend empor. Mit zuckender Hand strich er sich über die Augen.

Ja, da rieselt es warm wie entquellendes Blut. Es sind Thränen, – Thränen des Zorns, der Sehnsucht, der ohnmächtig wilden Verzweiflung. Er hat geträumt, – und noch liegt der Nachklang des jäh unterbrochenen Traumes auf seiner Brust wie ein Alp. Händeringend stößt er einen beklommenen Schrei aus und drückt die Stirne keuchend in seine Kissen.