Sechstes Kapitel.
»Ein Schreiben von Beaulieu-Sarcenet,« sagte der Graf beim Frühstück, als er mit höflichst eingeholter Erlaubnis der Gäste seinen Kurier durchmusterte. »Seltsam! Was kann er wollen? Nach jener unerquicklichen Auseinandersetzung?«
Das blinkende Falzbein mit der kugelumspannenden Adlerkralle durchschnitt das Couvert.
»Sie gestatten …« fragte Graf Gerold nochmals. »Ich bin mehr als gespannt …«
Beaulieu-Sarcenet schien die fatale Erörterung, die ihn auf dem Kongreß zu Bonn mit dem Grafen entzweit hatte, völlig vergessen zu haben – oder so schwer zu bedauern, daß er für seinen Kummer nicht Worte fand … Wenigstens ließ er die Sache ganz unerwähnt.
Hauptinhalt des Briefs war die Mitteilung, ein populär-wissenschaftliches Wochenblatt, die »Minerva« in Stuttgart, habe sich mit Vergnügen bereit erklärt, den Vortrag des Grafen über altgriechische Fest- und Gedenkmünzen ehestens zum Abdruck zu bringen, falls dieser Vortrag den Raum von drei Spalten à dreitausendfünfhundert Buchstaben nicht überschreite oder doch von dem Verfasser auf diesen Umfang gekürzt werde.
Beaulieu-Sarcenet hatte den Chefredakteur der »Minerva« letzthin aus rein persönlichen Gründen besucht und ihm beiläufig und gesprächsweise das Thema genannt. Hieraus ergab sich das Weitere. Beaulieu-Sarcenet riet dem Herrn Grafen aufs dringendste, die Gelegenheit zu benützen, um so die Abhandlung wenigstens einem quasi-gelehrten Publikum vor Augen zu führen. Auch erbot er sich höflichst zur Lesung der Revisionsabzüge. Er schloß mit der angenehmen Eröffnung, daß er im Frühherbst, wenn der Herr Graf dies gestatte, auf Schloß Authenried-Poyritz vorsprechen und die neuesten Errungenschaften des gräflichen Münzkabinetts einer genauen Besichtigung unterwerfen wolle.
Diese Zuschrift des weltberühmten Archäologen führte im Leben und Treiben der Schloßbewohner einen erheblichen Umschwung herbei. Die Numismatik, seit Wochen entthront, gelangte nun wieder urplötzlich zur Herrschaft.
Noch an dem selbigen Vormittag nahm Graf Gerold seinen rechtswidrig unterdrückten Vortrag zur Hand, stellte zuvörderst die beklemmende Thatsache fest, daß der Umfang der Rede – selbst mit Weglassung sämtlicher Vokative an die Adresse der »hochansehnlichen«, »schätzbaren«, oder »gelehrten« Versammlung – immer noch dreimal so lang war, als das von dem Chefredakteur der »Minerva« bezeichnete Maximum, und las dann die Arbeit vier- oder fünfmal durch, stets zu dem unabweisbaren Resultat gelangend, daß er im Grunde nichts, aber auch gar nichts weglassen könne, ohne dem köstlichen Aufsatz die unheilbarsten Wunden zu schlagen.