»Nur gegen Quittung!« rief er ihm nochmals nach. Er lauschte mit einer gewissen Aengstlichkeit, bis die schwer wuchtenden Schritte des Burschen im Korridore verhallt waren. – Dann erst schälte er seine Forellenbirne schweigend zu Ende.
Drei Tage lang hielten es die Herren von Steinitz noch aus. Dann gab ein Familienfest, das sie in Zeschau mitmachen sollten, dem Herrn Major den erwünschten Vorwand, mit guter Manier aus den unheimlich gewordenen Räumen des Schlosses zu flüchten und sich die Wiederkehr für eine bessere Zeit vorzubehalten. Es lag jetzt in der That über den Hallen von Authenried-Poyritz wie ein geistiger Druck; der Major meinte sogar: wie das Vorgefühl eines Unglücks. Nicht nur der Graf mit seinen erneuten numismatischen Anwandlungen war vollständig ungenießbar, auch Gräfin Adele und Somsdorff strömten einen nicht recht definierbaren Hauch von Schwermut und Monotonie aus.
Unmittelbar nachdem die Herren von Steinitz abgereist waren, erhielt auch Gertrud Mettenius ein Briefchen ihrer Mama, das sie nach Hause berief. Somsdorff war fest überzeugt, daß Gertrud sich dieses Briefchen bestellt hatte, um nicht zwecklos noch ein paar Tage lang von ihrem Liebsten getrennt zu sein; denn Friedrich von Steinitz und Gertrud – wenn man aus hundert Symptomen einen berechtigten Schluß zog – mußten jetzt vollständig einig sein, und selbst den Papa hatte man kurz vor der Abfahrt nach Hoyersbrück wohl ins Vertrauen gezogen.
Nachdem so das Schloß wieder in den normalen Zustand seiner vornehmen Abgeschiedenheit und Ruhe zurückgetaucht war, nahmen auch die während der letzten Tage etwas beeinträchtigten Garten- und Feldwanderungen der Gräfin mit Leo von Somsdorff einen gesteigerten Aufschwung.
Der Graf wollte das so, und zwar aus zweierlei Gründen. Einmal konnte er, wenn sich Adele viel mit Somsdorff befaßte, ungestört an der Neugestaltung seines münzwissenschaftlichen Vortrags arbeiten, ohne doch gar zu rücksichtslos zu erscheinen. Außerdem bedünkte es ihm eine Ehrenpflicht, dem jungen Mann, der sich bei der Errettung Josefas so fürchterlich zugerichtet, alles zu bieten, was da geeignet war, seine Erholung zu fördern, seine Stimmung zu heben, kurz, den status quo ante möglichst rasch wieder herzustellen.
Und einer seelischen Anregung und Erfrischung, wie sie sich aus dem Naturgenuß in Gesellschaft einer ihm offenbar höchst sympathischen jungen Frau ergab, schien der blasse, immer noch etwas hohläugige Somsdorff stark zu bedürfen.
Er war mitunter seltsam verstimmt; merkwürdig abgeneigt, eines der gräflichen Pferde zu reiten, obgleich Doktor Michalsky dies letzthin erlaubt hatte; unlustig, ein Buch oder selbst nur ein Zeitungsblatt in die Hand zu nehmen; apathisch gegen die Briefe und Telegramme Beaulieu-Sarcenets; von höflicher Schweigsamkeit während der Mahlzeiten; auf der Chaiselongue zwischen den beiden Verandasäulen beinahe mürrisch.
Nur wenn die Gräfin sich anschickte, das große verwöhnte Kind »auszuführen«, wie der Graf diese regelmäßigen diätetischen Gänge bezeichnete, flog ein Leuchten über sein Antlitz. Man sah ihm dann deutlich an, wie sehr er sich auf das planlose Wandern durch die Alleen, auf das köstliche Hin- und Herschlendern zwischen den Rotdornsträuchern und Haselnußbüschen, auf die langsamen Streifzüge ins Gehölz freute …