Und doch blieb dies Leuchten nur von sehr kurzer Dauer. Oft machte es schon, bevor man die Freitreppe hinabschritt, einem Ausdruck der Müdigkeit, ja der Verbitterung Platz, der sich erst nach und nach, unter dem Einfluß der sommerlich schönen Natur und der mildfreundlichen Worte Adelens wieder verlor.
Eines Morgens in aller Frühe – der Graf schlief noch, denn er hatte bis zwei Uhr nachts über der Arbeit gesessen – traten die zwei in besonders ungesprächiger Stimmung einen Gang durch den Park an – auch diesmal von der kleinen Josefa begleitet, die Gräfin Adele seit jenem Abend auf der mondscheinbeglänzten Veranda kaum von der Hand ließ. Höchstens durfte das Kind draußen im Feld ein paar Schritte vorlaufen, um aus dem Aehrengewoge sich Raden und Kornblumen zu brechen. Sobald man jedoch wieder den Park mit seinen phantastisch verschlungenen Irrgängen erreichte, blieb Josefa, wie durch das Auge der Mutter gebannt, stets in unmittelbarster Nähe; ja, sie setzte sich, wenn man irgendwo Rast hielt, meist unaufgefordert zwischen Somsdorff und ihre Mama, ein Warnungszeichen für den Bethörten und gleichsam die lebendige Mauer, in deren Schutz die verzauberte Königin trotzig auf ihre Unnahbarkeit pochte.
An jenem Morgen schritt man die Balustraden des Teiches entlang, bog dann links ab, durchstreifte die Rosenbeete, die in verblüffender Pracht standen, wechselte zwei, drei Worte über die Lieblingsarten der Gräfin, die Marschall-Niel- und La-France-Rosen, die von dem Gärtner mit überraschender Ausgiebigkeit gepflegt wurden, und erreichte auf Umwegen den Proserpinahügel, wo Leo sich damals so nahe am Ziel geglaubt.
Seitdem hatte er diesen Platz nicht wieder betreten.
Qualvolle Dumpfheit legte sich ihm aufs Herz, als er den marmorgemeißelten Gott erblickte, der sich die Braut mit so trotzigem Ungestüm – und bei alledem so bequem und natürlich – vom Boden rafft, um sie hinab zu schleppen in die Verborgenheit seines Palastes. Ein wehmütig beklommener Nachklang jener »heroischen Zeit, da Götter und Göttinnen liebten«, zog in Goetheschen Melodieen durch sein vergrämtes Gemüt.
Gräfin Adele hingegen schien klarer, frischer und ruhiger als je. Mit vollkommenster Unbefangenheit blieb sie einen Moment vor der leidenschaftlich bewegten Gruppe stehen, fand die zackige Krone des Gottes, die hie und da zu zerbröckeln begann, komisch und maskeradenhaft, meinte, das Ganze erinnere zu stark an den Raub der Sabinerin, der zu Florenz die Loggia de' Lanzi schmückt, und wandte sich dann, wie mechanisch, zur Bank hinüber, wo noch immer der blütenbesäte Jasmin seinen berauschenden Duft streute.
Man setzte sich.
Auch diesmal ergab es der Zufall oder Adelens Geschicklichkeit, daß die kleine Josefa den Platz in der Mitte bekam. Das Kind schmiegte sich schalkhaft an seine Mama und neckte sie, hell auflachend, mit einem schwankenden Zweig.
Der Fichtenbestand, der neulich im Goldglanz der sinkenden Sonne gestrahlt hatte, war jetzt beschattet. Die ganze Beleuchtung hatte für Somsdorff etwas Traurigverändertes. Es war ihm zu Mut, als ob er ein teures Antlitz, das er bei voller Gesundheit verlassen, im Kampfe mit einer schleichenden, todbringenden Krankheit wiedererblicke.